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Antje Ravic Strubel: Kältere Schichten der Luft

18.03.2007


Mit dem Kanu in der Wildnis

Antje Ravic Strubels Roman Kältere Schichten der Luft wurde – etwas überraschend - für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

 

Eine Art Rohfassung des neuen Romans von Antje Ravic Strubel wurde im Dezember 2005 von der Jury der Akademie der Darstellenden Künste zum "Hörspiel des Monats" gewählt. In der Begründung hieß es die Autorin habe "einfache, klare Bilder von der Natur und von simplen Vorgängen" geschaffen. Doch bei der 32-jährigen Autorin, die vor drei Jahren mit ihrem Roman Tupolew 134 auf sich aufmerksam gemacht hatte, sind die nun beschriebenen Vorgänge alles andere als simpel, und die Naturbilder fungieren lediglich als Kontrastfläche.

Antje Ravic Strubel schickt eine Reihe gestrandeter Figuren, deren biografische Wurzeln in die ehemalige DDR ragen, auf eine Art Selbstfindungstrip an die schwedisch-norwegische Grenze. In einem ähnlichen Camp hat die Autorin selbst die letzten fünf Sommer verbracht.

"Wildniserfahrung mit null Komfort" wird den Aus- oder Umsteigern offeriert. "Ich träumte nicht mehr von der Angst, nicht gut genug zu sein. Ich träumte jetzt wieder vom Fliegen", schwärmt die 30-jährige Ich-Erzählerin zunächst begeistert. Jene Anja ist aus Halberstadt ausgebrochen, hat die Karteileichenexistenz bei der Arbeitsagentur satt und sehnt sich nach Veränderung.

Schwülstig-verklemmtes Liebesgeraune

"Ich war mit zwei jüngeren Brüdern groß geworden. Durch ihre Nähe kam mir gar nichts anderes in den Sinn, als Frauen zu lieben", lässt Antje Ravic Strubel die Protagonistin gleichermaßen freimütig wie einfältig bekennen.
Was bleiben Anja und den übrigen Camp-Teilnehmern für Lebensperspektiven? Gemeinsam ist den "Aussteigern", dass sie wissen, was sie nicht wollen - nämlich im ernüchternden Alltagstrott weiterzumarschieren. Konkrete Pläne gibt es im Kreis der Gestrandeten nicht, so dass das Aufbruchsfeuer auch nur auf Sparflamme brennt. Auch die Gefühlswelt der durch den Einsatz von billigen Ostarbeitern arbeitslos gewordenen Maurer, durch Maschinen ersetzte Landschaftsökonomen, ehemalige Grenzsoldaten, Frührentner etc. ist aus dem Lot geraten. Bindungs- und Versagensängste dominieren die Szenerie. Die Nachwende-Verlierer pflegen ihre geschundenen Seelen und ihr exponiert zur Schau gestelltes Selbstmitleid mit Lagerfeuerromantik und Kanufahrten.

Anja findet schließlich Kontakt zu einer geheimnisvoll gezeichneten, namenlos bleibenden jungen Frau. "Aber wo wir schon Beckenkontakt hatten, können wir uns wenigstens duzen", liest man einigermaßen erstaunt, nachdem die Frauen sich körperlich nahe gekommen waren. Und Anjas Partnerin, die wie eine Chimäre durch die Handlung huscht, erklärt, dass die Liebe "doch ganz einfach" sei. Bei der Lektüre bleiben diese Figuren fremd und seltsam entrückt, gerade so, als würden sie die Stecknadel des nicht näher definierten Glücks im Heuhaufen der "bösen Welt" suchen.

Das schwülstig-verklemmte Liebesgeraune, die biografischen Fragmente und die ausgedehnte Seelenmassage beim skandinavischen Picknick-Tripp ließen sich herzerfrischend komisch lesen, wenn Antje Ravic Strubel eine große Satire im Sinn gehabt hätte. Aber am Ende überwiegt die Befürchtung, dass es die Autorin (eine der Protagonistinnen des "Fräuleinwunders") bitterernst gemeint hat und ein exemplarisches Generationsbild der um die 30-jährigen aus den neuen Bundesländern zeichnen wollte. Herausgekommen ist allerdings nur eine (auch sprachlich) mäßige Karikatur. Für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse hat es dennoch gereicht.

Peter Mohr


Antje Ravic Strubel: Kältere Schichten der Luft. Roman. S. Fischer Verlag 2007. 189 Seiten. 17,90.

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