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Incorvaia/Rimassa: Generation 1000 Euro

18.03.2007


Reality book ,für einen guten Zweck

„als honorar könnten wir in diesem fall leider nicht mehr als 20 euro bezahlen“, schreibt mein Auftraggeber vom Titel-Magazin, und ich denke, „Prima, wenn ich jeden Tag ein Buch lese, komme ich im Monat immerhin auf 600 Euro.“ „PS: wir zahlen übrigens nur für erstrezensionen.“

 

Ungemütliche Verhältnisse, so weit, so bekannt, und zwar nicht nur im Kultursektor, sondern auch im richtigen Business, wie der Protagonist Claudio aus Generation 1000 Euro, Junior Accountant einer multinationalen Marketingagentur, den Lesern versichert. In 13 Kapiteln begleiten sie einen jungen Ich-Erzähler, der immer in Eile zwischen einer halb Zweck-, halb Kumpel-WG in einem Mailänder Vorort und der Agentur am Corso Vittorio Emmanuele hin- und herpendelt. Gemessen an den Mailänder Lebenshaltungskosten wird er eher geringfügig entlohnt, und so erfährt der Leser neben einer nur halbherzig ausgeführten Beziehungsgeschichte und einem Einblick in Claudios Freundeskreis in erster Linie von den Geldsorgen des Protagonisten. Ansonsten ist dieser mit seinem Job und dem Leben im Allgemeinen aber ganz zufrieden.

Die italienische Fassung des Romans ist Anfang 2006 zunächst als Schreibexperiment zweier Journalisten kostenfrei im Internet veröffentlicht worden. Drei Monate und knapp 24.000 Downloads später hat sich ein renommierter Verlag für das Phänomen interessiert. Heute ist das Buch in fünf Sprachen übersetzt, und auf www.generazione1000.com kann man außer Gimmicks nur noch das erste Kapitel herunterladen. Der Erfolg erinnert an ein anderes italienisches Literaturphänomen, den Roman Q des anonymen Autorenkollektivs Luther Blissett, mit dem Unterschied, dass der Letzte trotz überaus erfolgreicher Buchausgabe von den Autoren nach wie vor zum kostenlosen Download angeboten wird.

Zurück zu Generation 1000 Euro: Die Welt lässt sich von der Marketing-Bezeichnung „reality book“ blenden und meint, Literatur wolle der Roman von Incorvaia und Rimassa nicht sein. Wenn es aber um die beschriebenen sozialen Verhältnisse geht, heißt es im gleichen Artikel, "wohlgemerkt: Das ist Fiktion“. An den beschriebenen Verhältnissen ist allerdings, wie die Welt dann auch einräumt, schon etwas dran. Zudem ist ein Buch, wo Roman drauf steht, in jedem Fall Literatur, in diesem Fall sogar inklusive autopoetischer Reflektion: „Warum schreibst du nicht einen Essay über dieses Thema, über unsere Generation? Die Generation der Tausendeuroverdiener, die ‚Generation 1000 Euro’?“ [...] „Ja, schon. Okay, kein Essay, keine Demonstration ... Schreib einen Roman.“

Gleichwohl bleibt das Buch unter literarischen Gesichtspunkten relativ uninteressant. Das liegt weniger am Erzählstil als an der naiv-plakativen Gedankenwelt des Protagonisten. Die deutsche Übersetzung (wie auch die Bearbeitung des Verlags durch das Hinzufügen erklärender Kapitelüberschriften) raubt der ersten Textfassung dann den letzten Sprachwitz, und so ist es nur gerecht, dass alle Welt von Herald Tribune bis ZDF sich nahezu ausschließlich auf das soziale Phänomen stürzt. Ist ja für keinen schlechten Zweck, den milleuristi sei es gegönnt.

Olaf Grabienski


Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa: Generation 1000 Euro. Aus dem Italienischen von Claudia Franz. Goldmann 2007. 160 Seiten. 12,95 Euro.

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