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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:27

 

Doris Dörrie: Und was wird aus mir?

18.03.2007


Der Rigoletto von Hollywood

Johanna unterläuft bei einer Rigoletto-Aufführung ein böser Schnitzer. Die Aufführung endet im Chaos, Johanna ist der „Sündenbock“, und schon nach wenigen Seiten stellt sie sich zum ersten Mal die Frage: „Und was wird aus mir?“

 

Es ist kein Zufall, dass in Doris Dörries neuem Roman alles ein wenig an die Verdi-Oper erinnert, denn die erfolgreiche Filmregisseurin (Männer) hat den Rigoletto vor zwei Jahren an der Bayerischen Staatsoper inszeniert.

Nachdem Johanna ihren Job am Theater verloren hat, erinnert sie sich an längst vergangene Zeiten, in denen sie vor 20 Jahren als Schauspielerin arbeitete und fast den einstigen Erfolgsregisseur Rainer geheiratet hätte, der in Hollywood lebt.
Da ihr Leben in Deutschland „zerstört“ ist, ergreift sie die Flucht und fliegt Richtung Los Angeles. Was Johanna dort vorfindet, entpuppt sich aber als weitaus chaotischer als ihr eigenes Leben. Doris Dörrie hat mit spürbarer Begeisterung die Glamour-Welt von Hollywood als gigantisches Lügenlabyrinth inszeniert. Hinter der heilen Erfolgswelt lauern gefährliche Abstürze, tiefe Depressionen und handfeste existenzielle Nöte.

Bei Doris Dörrie verkörpert der Regisseur Rainer die Rolle des Hofnarren „Rigoletto“ – allerdings mit stark hollywoodscher Prägung. Er übernimmt einen tragikomischen Part, denn er spielt sich so, wie er sich selbst gerne sehen würde, nämlich als den deutschen Erfolgsregisseur, der im Dunstkreis von Beverly Hills eine große Nummer ist. Doch nach seinem ersten großen Erfolg, ging es kontinuierlich bergab.

Zwischen Komödie und Tragödie

Und wie in Verdis Rigoletto spielt auch bei Doris Dörrie die Tochter eine zentrale Rolle. Sie heißt nicht Gilda, sondern Allegra, und speziell für ihren Besuch arrangiert Rainer ein prunkvolles Leben. In einem Jaguar Cabrio, das „wie eine goldene Pistolenkugel über den Highway schießt“, chauffiert er sie zu Luxusboutiquen. Während sich Allegras Herz mit Hilfe der Kreditkarte öffnet, erkennt die einstige Weggefährtin Johanna nach ihrer Ankunft schnell den Schwindel. Schamlos präsentiert Rainer eine Luxusvilla mit Pool, auf die er während der Abwesenheit des Besitzers lediglich ein wachsames Auge werfen sollte. Doris Dörrie zeigt keine erzählerische Gnade und lässt den selbst ernannten Erfolgsregisseur in die Katastrophe stürzen. Der Besitzer kommt erheblich früher zurück als geplant, und das geliebte Töchterchen Allegra entpuppt sich als geldgieriger Teenager, der den Vater nur „abzocken“ will. Johanna weckt noch einmal ihr schauspielerisches Potenzial, übernimmt Rainer zuliebe Allegras „Betreuung“ und versucht nach Kräften seine Lebenslüge gegenüber der Tochter aufrechtzuerhalten.

Doris Dörrie changiert temperamentvoll zwischen Komödie und Tragödie. Herrlich komischen Sequenzen (z. B. Rainers und Allegras Besuch eines riesigen Outletstores) lässt sie abrupt grüblerische Selbstbefragungen ihrer Figuren folgen. Am Ende dieses filmtauglichen Romans über geplatzte Lebensträume erlaubt es Dörrie Johanna, über ihren eigenen Schatten zu springen. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland besucht sie ihren Vater, zu dem sie viele Jahre keinen Kontakt hatte, am Sterbebett. Mit diesem aufwühlenden Schlussbild hat die Autorin noch einmal ein emotionales Ausrufezeichen gesetzt.

Peter Mohr


Doris Dörrie: Und was wird aus mir? Roman. Diogenes Verlag 2007. 421 Seiten. 22,90 Euro.

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