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Tommy Wieringa: Joe Speedboat - Keine Zeit für Helden

18.03.2007


Die Abenteuer von „Frans dem Arm“ und „Joe Speedboat“


Wieringas warmherziger Entwicklungsroman beschreibt überzeugend und ohne Klischees die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, den Sturm der Gefühle zwischen Verzauberung und Enttäuschung, zwischen Rausch und Ernüchterung.

 

Der niederländische Autor Tommy Wieringa hat einen recht ungewöhnlichen Protagonisten für seinen ersten auf Deutsch veröffentlichten Roman gewählt: „Ein funktionierender Arm mit 40 Kilo gelähmtem Fleisch dran“, lautet die Selbstbeschreibung des 14-jährigen Fransje Hermans, der nach einem schweren Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Aus der Perspektive des krassen Außenseiters, „halb Mensch, halb Wagen“, der weder laufen noch verständlich sprechen kann, erzählt Wieringa eine warmherzige Geschichte von den Abenteuern des Erwachsenwerdens in einer niederländischen Kleinstadt.

Seine besondere Lage, seine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit, haben Fransje zu einem sehr genauen Beobachter gemacht. Er ist getrieben davon, alles zu sehen und alles zu verstehen, was in seinem Heimatort passiert. Und alles, was er beobachtet, schreibt er auf: „Manche Leute können sich echt nicht vorstellen, dass ich dieses Leben fast wortwörtlich zu Papier bringe. Meine Tagebücher geben die Zeit wieder, wie ein Berg, der rückwärts in die Geschichte wächst. Und es steht alles drin …“

Ganz besonders interessiert ist Fransje an einem gleichaltrigen Jungen, Joe Speedboat genannt, der aufgrund seines auffälligen Charakters – Willenstärke, Fantasie und Energie – auf eine ganz andere Art ebenfalls eine Sonderstellung einnimmt: „Joe war weniger ein ungewöhnlicher Junge als eine entfesselte Kraft. In seiner Nähe bekam man Gänsehaut vor Spannung – Energie nahm in seinen Händen Gestalt an, in loser Folge fabrizierte er Bomben, Rennmopeds und Flugzeuge und spielte damit wie ein sorgloser Zauberer. Er wagte es, das Unmögliche zu denken, und merkte nichts von der Ablehnung, die hinter seinem Rücken stattfand.“

Zwischen den beiden jungen Außenseitern, entwickelt sich über die Jahre eine tiefe Freundschaft. Der unmobile, intelligente, alles analysierende Fransje und der abenteuerlustige, nicht die Konsequenzen betrachtende Draufgänger Joe ergänzen sich perfekt.
Fransje ist besessen von dem Wunsch, die Welt von oben zu sehen, um sie noch besser zu begreifen. Er besitzt sogar eine abgerichtete Dohle namens Mittwoch, die zu seinen „Augen in der Höhe“ wird: „Ich versuchte oft mich in Mittwoch hineinzuversetzen, wenn er über Lomark flog, mir vorzustellen, wie die Welt aus der Vogelperspektive aussah. Das war mein Traum von Allsehendheit – nichts wäre mehr verborgen, ich könnte die Geschichte von Allem schreiben.“ Schließlich ist es Joe, der ihm diesen Wunsch erfüllt. Mit seinem Einfallsreichtum und seiner Abenteuerlust baut er ein Flugzeug und nach einigen Schwierigkeiten schaffen es die beiden tatsächlich, abzuheben: „In dieser Höhe gab es keine Geheimnisse mehr, und das war traurig und schön zugleich.“

Geschichte vom Erwachsenwerden

„Der Samurai, so sagt man, hat einen doppelten Weg, den des Pinsels und den des Schwertes“, heißt es in Fransjes Lieblingsbuch, dem „Buch der fünf Ringe“ von dem Samurai Musashi. Der Junge entnimmt seine Lebensphilosophie Musashis Buch und auch der Aufbau des Romans folgt diesem Motto. „Pinsel“ heißt der erste Teil, in dem das intensive Beobachten und Wahrnehmen im Mittelpunkt stehen. „Schwert“ heißt der zweite Teil, in dem sich die Dinge rasant verändern. Joe bringt Fransje dazu, seine Distanz zum Leben, an dem er bisher kaum teilgenommen hat, aufzugeben und seine größte Stärke zu erkennen und einzusetzen: Durch jahrelanges Antreiben des Rollstuhls gestählt hat Fransje in seinem rechten Arm unglaubliche Kräfte entwickelt. Joe erkennt dies und macht einen ganz besonderen Sportler aus ihm: einen Armwrestler. Die beiden Freunde reisen von Wettbewerb zu Wettbewerb durch ganz Europa. So kommt „Frans der Arm“, so sein Kampfname, aus seinem kleinen Dorf an der deutsch-niederländischen Grenze heraus und stellt fest, dass er durch seinen starken Arm, „eine Art kleinformatiger Elefantenfuß“, als Mensch anerkannt wird. Endlich kann er sich in der Welt beweisen, gewinnt Turniere, verdient Geld und erlangt Ansehen. Plötzlich ist er nicht mehr der passive Beobachter, sondern der aktive Schwertführer, denn „das Schwert ist nur eine Verlängerung des Arms“.

Klischeefreier Entwicklungsroman

Wieringas Entwicklungsroman beschreibt überzeugend und ohne Klischees die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, den Sturm der Gefühle zwischen Verzauberung und Enttäuschung, zwischen Rausch und Ernüchterung. Gleichzeitig ist er das interessante Porträt einer Kleinstadt aus dem ungewöhnlichen Blickwinkel eines gehandicapten Ich-Erzählers. Durch die speziellen Charaktere und die lebensnahe Geschichte ist Joe Speedboat ein mitreißender und überaus gelungener Roman, der mit seiner überbordenden Fantasie, der direkten Sprache und den vielen spannenden Erlebnissen der Jugendlichen an Mark Twains Romane über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn erinnert.
Ein Buch, an dem nicht nur Teenager ihre Freude haben werden!

Benjamin Gabriel


Tommy Wieringa: Joe Speedboat – Keine Zeit für Helden. Roman. Übersetzt von Bettina Bach. Hanser Verlag 2006. 304 Seiten. 19,90 Euro.

*Benjamin Gabriel (16) besucht die 10. Klasse des Kaifu-Gymnasiums in Hamburg und absolvierte im Januar/Februar 2007 ein Schülerpraktikum beim TITEL-Magazin.

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