Bern Imgrund: Quinn Kuul
25.03.2007
Alles nichts.
Quirinius Kuhlmann war ein extravaganter Barockdichter und man könnte meinen, dass er es war, der Bernd Imgrunds Romanhelden die Namensvetterschaft verlieh. Und ehrlich gesagt, am liebsten würde man einen Exkurs über diesen dreihundertfünfzig Jahre alten Dichter beginnen – zumindest lieber als eine Besprechung über diesen im Grunde komplett misslungenen Roman.
Die beinahe 600 Seiten beginnen mit einer pubertären Träumerei unter dem Fenster der Angebeteten: Fräulein Sylvie heißt sie und ist Kassiererin im Stammsupermarkt des gerade volljährig gewordenen Quinn Kuul. Das Gymnasium hat er aus Hass auf jeglichen verlogenen Intellektualismus verlassen und ist dafür lieber zum Absacker in einem Rußwerk geworden. Seine Aufgabe: Säcke mit Ruß füllen, den lieben langen Tag, dann Dusche, dann Träumerei und dazwischen immer wieder Bier. Ja, überhaupt ist Bier wohl das Schmiermittel des ganzen Romans. Kaum eine Szene ohne dieses Gesöff. Sogar die Titelillustration ziert - wie eine Ikone der rheinische Aufrichtigkeit - ein Glas Kölsch. Nach dieser kurzen Exposition verkündet der Erzähler dann großmäulig, mächtig Anlauf nehmen zu wollen, wobei er sich dann ordentlich im erzählerischen Unterholz vergaloppiert...
I want it all, I want it now!
Der selbstgestellte Anspruch heißt: In einer guten Geschichte muss es abgehen wie bei Karl May! Denn die (sehr dürftige) Liebesgeschichte – das bemerkt Bernd Imgrund wohl selbst – benötigt ein wenig Anreicherung. Schade, dass er dies mit prä-maskuliner Action versucht, einer Spionagegeschichte, die, extrem schlecht aufgezogen, bald nervt und von den wenigen Qualitäten, die das Buch überhaupt noch vorzuweisen hat, leider komplett ablenkt. Was für ein erzählerischer Missgriff!
Zunächst nimmt das Buch ja noch gefangen durch seinen schnoddrigen und schnellen Erzählton, es legt kumpelhaft den Arm um die Schulter des Lesers und wirkt dabei so sympathisch unbemüht, dass man ihn sogar eine Weile dort liegen lässt. Ja, aus dem Buch hätte vielleicht sogar etwas Nettes werden können, wenn der Autor seiner weltfordernden Infantilität nur ein wenig Einhalt geboten hätte. Der aber lässt die Zügel derart schießen, dass auf dieser Kutschfahrt noch dem letzten schlecht wird.
Auf der 80er-Hupe
Quinn Kuul ist ein Sommerroman, aber er will zudem noch ein Erziehungs-, Entwicklungs-, Generations-, Abenteuer, Schelmen- und Kölnroman sein. Am Ende ist er nichts von all dem...
Warum kein Erziehungsroman? Dieser Roman hat etwas Väterliches, genauer etwas Jungväterliches an sich. Quinn Kuul ist dabei das Ziehkind von Imgrund. Und dem wird jetzt ordentlich was fürs Leben mitgegeben - und zwar: Sei so wie du bist und glaub nicht jedem Arsch! Das ist die provinzpädagogische Summe, das kleine Testament des Buches. Und: Lass die Finger von Intellektualität und Kalkül! Diese väterliche Instanz ist dann zusammengeschrumpft zu Kuno, dem kleinen Mann im Bauch.
Ein Generationsroman? Hier überspannt Imgrund den Bogen total und beweist sein völlig fehlendes Kompositionsgefühl. Es vergeht kein Kapitel, in dem nicht zeitspezifische Musiktitel, Accessoires etc. platziert sind, als ob er beständig sein fades Mahl, seine erzählerische Kartoffelpampe nachwürzen will – am Ende ist sie völlig versalzen. Was dabei wirklich erstaunt, ist die völlige Kunstlosigkeit mit der Imgrund hier ans Werk geht, mit grob in diese Geschichte gedübelten Details.
Ein Entwicklungsroman? Der Protagonist entwickelt sich keinen Meter, er „ver-wickelt“ sich höchstens, macht dabei einige lustige Lebens-, Liebens- und Drogenerfahrungen, doch ein Wandel geistiger Art? Ein Abenteuerroman? Imgrund versucht permanent etwas geschehen zu lassen, als hätte er ein Thriller-Seminar mitgemacht und gerade die Cliffhanger-Technik erlernt. Aber nichts erwächst aus den inneren Konflikten der Personen, stattdessen schickt er eine öde Abfolge von gewollten Überraschungsmomenten auf Parade...
Ein Schelmenroman? Dazu ist Quinn Kuul einfach nicht der richtige Protagonist. Imgrund hat seiner Figur keinen Idealismus verpasst, mit dem er sich in der Welt die Rippen blau und grün stößt. Quinn Kuul ist letztlich Pragmatiker mit Anklängen von Spießertum – keine gute Wahl für einen Schelm, der in seiner starrköpfigen Schrulligkeit liebgewonnen sein will.
Ein Kölnroman? Vielleicht, wenn Köln sich tatsächlich nur durch Breite im Dialekt und Breitsein im Alltag auszeichnet. Man könnte fast meine, die Kölner hätten nichts anderes als ihr Kölsch und ihre gute Laune, eine riesenhafte, versoffene Provinz mit zwanghafter Humorverfallenheit. Prost Mahlzeit!
Daumenkinoliteratur
Ganz am Ende öffnet Imgrund dann seine erzählerische Wundertüte und es kommt – aus schlechtem Gewissen dem Leser gegenüber, der durch 600 Seiten gurken musste? – zum Stilbekenntnis: Sei ungeschminkt. Bei manchen Leuten hat man den Eindruck, die bohren jedes klitzekleine Astloch aus ihren Texten raus und füllen das neu auf und spachteln es glatt. Danach werden dann nuten gefräst und Federn geschnitten, damit alles perfekt ineinander passt. Und damit niemand merkt, dass es sich um Billigware handelt, wird millimeterdünnes Edelfurnier drübergebügelt.
Ja, hier spricht wahrhaft ein Handwerker, einer mit kritischem Blick, mit Ethos sogar. Doch leider ist Literatur eben kein Handwerk, und mit derart simplen Analogien ist hier wirklich niemandem geholfen, am wenigsten dem Leser...
Christoph Pollmann
Bernd Imgrund: Quinn Kuul. Roman. Zweitausendeins 2007. 572 Seiten. 17,90 Euro.
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