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Keto von Waberer: Umarmungen

02.04.2007

Brüchiges Glück

Nach ihrem erfolgreichen letzten Roman
Schwestern legt Keto von Waberer nun einen Band mit zwölf Erzählungen vor, die allesamt um die Themen Liebe, Zuneigung und das kleine alltägliche Glück kreisen – aber auch um das pure Gegenteil: die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen, Zurückweisung, Angst und Verlust.

 

Keto von Waberer ist nicht nur Schriftstellerin und Übersetzerin, sondern auch Architektin. Vielleicht sorgt diese Facette ihres Könnens für die beneidenswert sichere Konstruktion ihrer Storys, für das große handwerkliche Geschick. Schon mit wenigen Sätzen ist rasch eine Grundsituation skizziert, ein scheinbar alltäglicher Moment herausgegriffen, der als Fundament für eine Geschichte dient, die unbeirrt wächst, sich Raum verschafft, um am Ende, oft über Umwegen, wie zufällig zu ihrer Basis zurückzukehren. Keto von Waberers Erzählungen zeichnen sich durch ungewöhnliche Dichte und Intensität aus, die nur entstehen kann, wenn man sich seinen Sujets mit Aufmerksamkeit und Leidenschaft nähert.

Da ist Annette, die in einer Reinigung arbeitet und aus ihrem glück- und beziehungslosen Zustand heraus einen Freund herbeifantasiert. Florian heißt er, ist außerordentlich attraktiv und macht „irgendwas mit Software“. Den neugierigen Kolleginnen in der Reinigung präsentiert sie stolz ein Foto, das sie doch in Wirklichkeit auf dem Sperrmüll gefunden hat, zwischen Spielkarten und vergilbten Rechnungen. Als die Fragen der mitfühlenden, miteifernden Frauen immer dringlicher werden, schickt Annette den erfundenen Freund schnell beruflich in die USA. Seine Briefe, die sie in der Mittagspause vorliest, sind von ihr selbst verfasst, abends, mithilfe einer amerikanischen Landkarte und eines Englisch-Lexikons. Als sich die Zweifel der Kolleginnen verhärten, denkt Annette daran, den inexistenten Lover einfach sterben zu lassen. Doch sie hat ein Herz und dichtet ihm nur eine neue Freundin an.

Leidenschaft und Liebe, Zurückweisung und Tod

Neben der Unmöglichkeit der Liebe ist der Tod – mal als Gedankenexperiment, mal als unvermeidliche Realität – in fast allen Erzählungen präsent. In „So lange man braucht, um einen Fisch zu essen“ versucht ein Mädchen, sich mit einer Reise über das schmerzvolle Ende einer Liebesbeziehung hinwegzutrösten. Als sie in einem trostlosen Hotelrestaurant sorgsam eine Forelle zerlegt und isst, während am Nach-bartisch eine Hochzeitstorte angeschnitten wird, denkt sie: „So werde ich sterben … hier an diesem Tisch sitzend mit dem Fischbesteck in den Händen und ohne einen Laut.“ In „Fasching“ wiederum ist der Tod der Großmutter der Anlass dafür, dass die Ich-Erzählerin in ihre Heimatstadt zurückkehrt und dort im Schaufenster eines Foto-grafen zufällig das Hochzeitsfoto ihrer früheren Freundin entdeckt, mit der sie uneinig auseinander gegangen ist. „Umarmungen“ ist der schüchternen Vermieterin Frau Meiser gewidmet, die heimlich ihren türkischen Untermieter anhimmelt und sich in der Volkshochschule nach einem Sprachkurs erkundigt. Doch als Nazim in den Armen seiner Vermieterin stirbt, murmelt er den Namen einer anderen Frau. Leidenschaft und Liebe sind ein großes Thema all dieser Erzählungen, die doch oft in Zurückweisung und Ablehnung enden.

Trotz Leid und Melancholie sind die Storys von Keto von Waberer warmherzig und sinnlich geschrieben, weitab von einer modern gewordenen literarischen Coolness. Fast ließ der hochgepeitschte Fräuleinwunder-Hype der letzten Jahre vergessen, dass es schon in der Zeit vor Judith Hermann hervorragende deutsche Erzählerinnen gab. Keto von Waberer publiziert seit 25 Jahren und lehrt inzwischen Creative Writing in München. Glücklich, wer einen Kurs bei ihr ergattern kann.

Ingeborg Jaiser


Keto von Waberer: Umarmungen. Berlin Verlag 2007. 193 Seiten. 18,00 Euro.

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