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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:29

 

Norbert Müller: Easy Deutschland

09.04.2007


Generation orientierungslos


Es steckt eine Menge Humor in den Zeilen des neuen Romans von Norbert Müller. Er porträtiert eine orientierungslose Generation so, dass sie zur Karikatur ihrer selbst mutiert. Das lädt immer wieder zum herzhaften Lachen ein.

 

So problematisch wie in Norbert Müllers drittem Roman Easy Deutschland schien das Zusammenleben selten. Zahlreiche Haupt- wie Nebenfiguren hetzen irgendwie durch Berlin, leben zwischen ihren Sehnsüchten und Ängsten, sind voll einstiger Hoffnungen, aber nun ziemlich frustriert, weil wenig von alldem eingetroffen ist. Sie krabbeln mal flink, mal unbeholfen durch eine urbane Gesellschaft, die sich immer mehr aufzulösen scheint. Allesamt sind sie ja irgendwie Künstler, sind es gewesen oder haben sich einmal geistig auf den Weg dorthin gemacht. Gelandet sind sie in Jobs, die sie ziemlich nerven oder werden von ihrem Ehepartner alimentiert, sind Hausmann oder Multi-Künstlerin. Allesamt gehören sie einer gebildeten Generation der nicht mehr wirklich Jungen, aber auch noch nicht richtig Alten an, leben entweder allein, aber öfter noch in zumeist desaströsen Beziehungen. Sie sind zur Karikatur ihrer selbst mutiert, so scheint es.

Das Problem mit dem Zusammenleben

Vor allem das Leben in Gemeinschaft ist zu einem riesigen Problem geworden. Das früher einmal statuierte Ideal der idyllischen Kleinfamilie hat sich überlebt, ist zum Lippenbekenntnis geworden, hat sich ausgehöhlt, sprich: ist zum hohlen Konzept verkommen – ein neues Konzept des Zusammenlebens aber ist nicht in Sicht. Da wird weitergewurschtelt, während man Affären hat, einen flotten Dreier probiert, zwanghaft o­naniert oder andere Vordergründigkeiten pflegt. Oder man wähnt sich schon in Scheidung, bekommt ein Kuckuckskind als eigenes wie selbstverständlich untergeschoben; hat dann aber nicht mehr genug Zeit, um über all das mal richtig nachzudenken – fahrige, zerfallende Strukturen, wohin man blickt. Zur Atemlosigkeit, die durch kurze und eingängige Sätze Ausdruck findet, gesellen sich ein sprunghaftes Denken und Handeln und damit der Eindruck einer vertrackten Orientierungslosigkeit. Die so aufscheinende Karikatur einer Generation, die nebenbei auch die allgegenwärtigen Themen wie Terrorismus, bürokratischen Irrsinn und andere deutsche Neurosen aufgreift, lädt immer wieder zum herzhaften Lachen ein.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Und doch müsste einem das Lachen im Halse stecken bleiben, wenn man sich mit den sieben Hauptfiguren dieses über vierhundert Seiten starken Romans identifizierte. Der Blick von außen verhindert dies, die Distanz, die Norbert Müller durch seine Erzählweise schafft. Zwar wird Nahaufnahme auf Nahaufnahme geschnitten, abwechselnd aus den sieben Perspektiven der Hauptfiguren, oft subjektlos, erzählt, doch ein längeres Verweilen bleibt dem Leser erspart – wäre es anders, es wäre unerträglich. Dass der Autor es stattdessen von Anfang an auf den Humor und die Lachnerven abgesehen hat, kündigt ja schon der Buchtitel an: Easy Deutschland. Also, wenn dieses grausam zusammengeschweißte Begriffspaar kein Witz ist! Übrigens nennt sich so die Relocation-Agentur von Carol, eine der „Akteusen“, die durch das Blickfeld hoppelt. Ihre clevere Geschäftsidee: „Den Kunden die Angst vor Deutschland nehmen. Vor allem vor den Deutschen. Denn kurz nach der Ankunft bekommen es die meisten Ausländer mit der Angst zu tun.“ In diesem Buch erscheint Leben in Deutschland, besonders das Zusammenleben, alles andere als selbstverständlich. Stellt sich die Frage, wie man Ausländer in einem Land integrieren soll, in dem die Einheimischen selbst – zumindest die hier vorbeizappelnde Generation orientierungslos - nicht integriert sind.

Frank Kaufmann


Norbert Müller: Easy Deutschland. Residenz Verlag 2007. 400 Seiten. 21,90 Euro.

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