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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:30

 

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau

09.04.2007


Kunst ist kein Lebensersatz

Das Leben ist für die Protagonistin in Christoph Heins erschütterndem Roman nur noch ein Scherbenhaufen. Die künstlerische Karriere scheint beendet, noch ehe sie recht begonnen hatte, und die privaten Bezugspersonen sind verloren.

 

Christoph Hein erzählt einen rückwärts gerichteten Entwicklungsroman, denn schon zu Beginn der Handlung erfahren wir, dass die Protagonistin Paula Trousseau Selbstmord begangen hat. Mit Tabletten hat sie ihrem freudlosen Leben ein Ende gesetzt, ihre Leiche wird später in einem Nebenarm der Loire gefunden.

Christoph Heins biografisches Mosaik umfasst einen Zeitraum von 30 Jahren. Auf alternierenden Erzählebenen nähert er sich behutsam dem Leben einer Frau, die zwischen Unterdrückung und Eigensinnigkeit vergeblich einen gangbaren Weg gesucht hat. In der dritten Person erzählt Hein aus gehöriger Distanz über Paulas schlimme Kindheit in einer Kleinstadt der DDR, von einem tyrannischen Vater, der seinen Feldwebelton aus dem Schulalltag auch in der Familie nie ablegen konnte, und von der Mutter, die all die Schikanen mit Alkohol zu verdrängen versuchte.

Nach der Schule absolviert die verängstigte Protagonistin eine Ausbildung als Krankenschwester; dann heiratet sie irgendwann und bekommt ein Kind. Nichts deutet zunächst auf den gravierenden Bruch in ihrer Vita hin. Wie eine mahnende Stimme aus dem Off scheint sich bei Paula immer wieder ihr künstlerisches Talent zu Wort zu melden und sein Recht einzufordern. Gegen den Willen von Vater und Ehemann beginnt sie ein Malereistudium. Eine folgenschwere Zäsur im Leben, wie wir vom tragischen Romanbeginn wissen. Paula verlässt ihre Familie und gibt sich ganz dem Studium und ihrer eigenen künstlerischen Arbeit hin.

Ein Scherbenhaufen

„Ich fürchte, Sie wollen Malerin werden, um dem Leben zu entkommen. Kunst ist kein Lebensersatz“, mahnt sie (nicht ganz zu Unrecht) schon früh einer ihrer Professoren. Doch Paula schlägt alle Ratschläge in den Wind und schwimmt auch künstlerisch gegen den Strom. „Etwas optimistischer bitte“, verlangt ein Gewerkschaftssekretär, dem Paula ihre Bilder zum Kauf anbieten will. Die eigensinnige junge Frau lässt sich trotz akuter finanzieller Probleme jedoch nicht korrumpieren; der staatlich verordnete sozialistische Realismus ist ihr ein Dorn im Auge, und so legt sie ein monochromes Landschaftsbild zur Begutachtung vor. Darüber kommt es zum Bruch mit ihrem Professor – nicht nur fachlich, sondern auch privat. „Er liebt mich, ich mag ihn, ich hatte keine Lust mehr, allein zu sein.“ Mit diesem wenig emotionalen Satz hatte Paula einer Freundin gegenüber ihre Liaison mit jenem Mann erklärt, der älter war als ihr Vater.

Das Leben ist für die Protagonistin nur noch ein Scherbenhaufen. Die künstlerische Karriere scheint beendet, noch ehe sie recht begonnen hatte, und die privaten Bezugspersonen (der Professor verkörperte Vater-Ersatz und künstlerischen Mentor in Personalunion) sind verloren. Im ganzen Beziehungsdurcheinander stirbt nämlich auch noch Paulas beste Freundin Sibylle an Krebs.

Tragisches Scheitern

„Menschliche Beziehungen sind das Resultat von Missverständnissen“, schreibt Paula kurz vor ihrem Selbstmord in einem Brief an ihre Tochter Cordula. Anerkennung, menschliche Wärme und Zuspruch sind ihr zeitlebens verwehrt geblieben. Darüber hinaus hat sie an den entscheidenden Gabelungen auf ihrem Lebensweg (gewollt oder ungewollt?) die falsche Richtung gewählt. Das dominante Grau auf ihren Bildern aus dem letzten Lebensabschnitt darf man als Spiegelbild ihrer seelischen Befindlichkeiten deuten.

Paula Trousseau findet (wenn man es überspitzt formuliert) nicht einmal nach dem Tod ihre Ruhe. Ihre Bilder hatte sie per Verfügung ihrem Jugendfreund Sebastian Gliese zugedacht, der sich lapidar „für nicht zuständig“ erklärt. Zurück bleibt ein gänzlich ausgelöschtes Leben. Weder als Ehefrau und Mutter noch als Tochter oder als Künstlerin hat Paula Trousseau Spuren hinterlassen. Diese bittere Erkenntnis ist die Quintessenz aus Christoph Heins erschütterndem Roman, mit dem er einen eindrucksvollen Gegenentwurf zu Landnahme (2004) geliefert hat. Während sich der damalige Protagonist Bernhard Haber allen Widrigkeiten zum Trotz erfolgreich durchs Leben geboxt hat, ist Paula Trousseau an ihrem Umfeld und auch an der eigenen Starrköpfigkeit tragisch gescheitert.

Peter Mohr


Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Roman. Suhrkamp Verlag 2007. 537 Seiten. 22,80 Euro.

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