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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:31

 

Mark Haddon: Der Wunde Punkt

22.04.2007


Supergute Stunden

Der wunde Punkt ist ein mitreißender Familienroman, einfühlsam, witzig und spannend.

 

Die Halls sind eine ganz normale Familie. Der schwule Sohn hat Probleme mit seinem Geliebten, die Tochter will schon das zweite Mal heiraten und diesmal unter ihrem Stand, die Mutter hat ein Verhältnis und, als gebe es nicht schon genug Probleme, entdeckt Vater Hall ein kleines Geschwür an seiner Hüfte. Überzeugt davon, sterben zu müssen, verheimlicht er seine Entdeckung und dreht unter dieser Last fast durch. Ausgerechnet kurz vor der Hochzeit naht eine Katastrophe.

Eine typische englische Kleinfamilie mit einem schönen Zuhause, schönen erwachsenen Kindern und einem Ozean an höflicher Kommunikationslosigkeit. Zunächst sieht es gar nicht so aus, als ob die sich anbahnenden Krisen helfen würden, nur eines der Probleme zu lösen. Das liebevoll gebaute Nest mit seinen Zweigen aus Sicherheit aus dem Heimwerkermarkt droht unterzugehen. Es ist nicht nur der Vater, der ein verborgenes Problem hat, in dieser Familie hat jeder einen schmerzhaft wunden Punkt. Doch mit seinen bizarren Anstrengungen, den seinen unbemerkt loszuwerden, wird der Vater Katalysator für die Familie. Jedem wird ein Stück Umdenken abverlangt, allmählich verschieben sich die Positionen und Rollen und man könnte endlich glücklich sein. Wenn nicht das Leben sich manchmal von der gleichgültigsten Seite zeigen würde, ohne die geringste Neigung, ein Entgegenkommen zu honorieren.

Mark Haddon erzählt mit lakonischem Understatement aus der Perspektive der Familienangehörigen, wobei der näher rückende Termin der geplanten Hochzeit als Spannungsbogen fungiert. Die Leser haben einen Informationsvorsprung und leiden dem sich zuspitzenden Finale entgegen. Es ist tragisch und komisch zugleich, mitzuerleben, wie viel Verdrängungsleistung aufgebracht werden kann, bis der familiäre Knoten platzt.

Haddon hat mit seinem Erstling Supergute Tage oder die Sonderbare Welt des Christopher Boone eindrucksvoll das etwas seltsame, streng strukturierte Leben eines autistischen Jungen beschrieben. Dessen wohl geordnete Welt wird eines Tages von einem toten Hund durcheinander gebracht. Mutig macht er sich daran, seine sichere Welt zu verlassen und den Hundemord aufzuklären. Auch in dem neuen Roman leben die Protagonisten in einer scheinbar sicheren Welt, die nach und nach ihrer Stabilität beraubt wird, so dass die Figuren in ein Hamsterrad der Desorientierung getrieben werden. Auch hier erfordert es einiges an Mut, um anzuhalten und einen Blick auf den so störenden Punkt zu werfen.
Der wunde Punkt ist ein mitreißender Familienroman, einfühlsam, witzig und spannend. Mit den Halls und ihren Krisen verlebt man einige supergute Stunden.

Maggie Thieme


Mark Haddon: Der Wunde Punkt. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Blessing 2007. 448 Seiten. 19,95 Euro.

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