Taichi Yamada: Sommer mit Fremden
22.04.2007
Das Grauen in der Stadt
Zwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung kommt Yamadas Roman nun in deutscher Übersetzung auf den Lesemarkt – endlich. Neben seinen Prosa-Meriten ist Yamada vor allem auch als Drehbuchschreiber bekannt, und seine Hand fürs Filmische zeigt sich auch hier.
Die Geschichte ist unheimlich und präzise: der mittelalte Tokyoter Fernseh-Drehbuchschreiber Harada, gerade frisch geschieden, verliert den Bezug zur Realität. Sein soziales Netz, so weit es der Roman vorstellt, ist eng, seine Dynamiken sind überschaubar und kommen, fein psychologisch analysiert, umso deutlicher zur Geltung. Haradas wichtigste Bezugspunkte sind seine toten Eltern, die ihn im Alter von 12 Jahren als Vollwaisen zurückließen. Sie kommen nun als Geistwesen zurück, als scheinbar freundliche Geistwesen, die keineswegs mit Horror-Inventarstücken hantieren. Sie scheinen einfach ihr Leben dort wieder aufzunehmen, wo sie es bei ihrem Tod abbrachen, und Harada nutzt die Gelegenheit, um ein Zusammenleben zu simulieren. Die anfänglichen Zweifel – auf einmal ist schließlich er, der Sohn, älter als seine Eltern, und das scheinen sie auch wahrzunehmen, denn sie drücken ihrem Sohn bei seinen Besuchen gern ein Bier in die Hand (japanische Geister sind offensichtlich gastfreundlich) – saugen ihm die Lebensenergie aus dem Mark. Die wenigen menschlichen Kontakte, die er noch hat, erheben warnende Zeigefinger und stellen fest, dass Harada stark abmagert, immer mehr Substanz verliert und bald schon durchscheinend ist. Das tut auch Kei, seine Geliebte – die als wichtigster menschlicher Bezugspunkt für den Ich-Erzähler Harada fungiert, um dann am Ende auch entlarvt zu werden: auch sie ist als Geistwesen zurückgekommen, wiegt Harada in Sicherheit und nimmt ihm an Energie, was noch zu holen ist. Ihre Verrückung ins Geisterreich kommt plötzlich und unerwartet und ist als Clou sorgfältig eingebaut, um zu unterstreichen, dass Harada eminente Schwierigkeiten hat, den Status seiner Wirklichkeit auszuhandeln, und der Leser mit ihm.
Bildschirmkonventionen
Asiatische Horrorfilme, die auch im Westen zu großem Erfolg gelangten – etwa die Ringu-Filmreihe, die im amerikanischen Kino noch einmal aufgenommen und fortgesetzt wurde, oder auch Filme der chinesischen Pang-Brüder wie The Eye geben auf der Leinwand Konventionen wieder, die auch Yamada schon etabliert, oder andersherum: seine Ästhetik in diesem Roman ist eine Filmästhetik, ganz ausgerichtet auf den visuellen Eindruck. Immer wieder muss sich Harada im Spiegel betrachten, um sich wahrzunehmen – und sieht dann doch nichts, oder nicht das richtige. Diese gestörte Wahrnehmung überträgt sich auf die Außenstehenden, die zwar offen sind für die ganz materiellen Auswirkungen der Geistwesen – Harada verfällt zusehends zum Skelett – nicht aber für deren Quellen. In einer bizarren Szene etwa lädt Harada seine Geisteltern in ein Restaurant, um sich dort von ihnen zu verabschieden und sie ins Reich der Toten zurückzusenden – die Bedienung nimmt die beiden nicht einmal als außergewöhnlich wahr, und schließlich lösen sie sich auf und lassen ihren Sohn in Frieden. Wenn ein Austausch zwischen beiden Welten möglich ist, dann nur für auserwählte wenige, die unter ihrer Sonderstellung – nur sie sehen Geister – leiden. Der Zuschauer und Leser konzentriert sich zwangsläufig auf den seherisch begabten Charakter (der nicht unbedingt auch der Protagonist sein muss, auf jeden Fall aber der einzige, der das sieht, was auch die Zuschauer sehen wollen, und in einer entsprechend privilegierten Position ist, erzähltechnisch), vernachlässigt dabei, was außerhalb dieser privilegierten, spannenderen Sicht liegt – und wundert sich dann augenreibend über wirksame Schlussfolgerungen, die der Film oder Roman machen darf. Das funktioniert in Shyamalans The Sixth Sense, in Amenábars The Others und schließlich auch hier. Man stolpert ganz willig und einfach in die Falle, die der Text aufstellt, und freut sich dann über das unerwartete Grauen – hier in Gestalt von Kei, die, als sie enttarnt wird, die im asiatischen Horrorkino konventionelle und hoch wirksame Geistgestalt annimmt – phasenverschoben, mit schwimmenden Konturen, unheimlichen Bewegungsmustern und einem fixen Wahn in den Augen. Um sich von ihnen zu befreien, diese Erfahrung macht Harada hier, muss man sich einmal ihrer echten Gestalt stellen und überleben, um dann die Geschichte zu stellen. Gut, dass Harada, gut, dass Taichi Yamada das schafft – das Ergebnis ist ein richtig starker Roman.
Daniel J. Gall
Taichi Yamada: Sommer mit Fremden. Deutsch von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Goldmann Verlag 2007. 190 Seiten. 17,95 Euro.
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