Ein wenig gleicht die Literaturgeschichte einem Eisberg – nur die Spitze allen Geschriebenens ist sichtbar, unter der Oberfläche liegt das Unveröffentlichte, Verhinderte, Vergessene. Gelegentlich kommt etwas zum Vorschein, doch nur selten erzielt es eine Wirkung wie das Buch, das zu den Überraschungen des Frühjahrs gehört: Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“. Dabei handelt es sich um einen Autor, der – zumindest in der DDR – kein Unbekannter war. Ein fleißiger Publizist, dessen Werk Preise erhielt. Sein Hauptwerk aber hat erst jetzt, 40 Jahre nachdem es entstand, das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Weil Bräunig zu einem Politikum wurde.
Aus prekären familiären Verhältnissen stammend, führte der 1934 in Chemnitz Geborene ein unstetes Abenteurerleben, wechselte zwischen West und Ost, zwischen Gelegenheitsjobs, zwischen Freiheit und Knast hin und her. Schließlich fand er zur Publizistik und damit zu seiner Berufung, absolvierte das renommierte Literaturinstitut Johannes R. Becher und war maßgeblich beteiligt am berühmten Bitterfelder Aufruf. „Greif zur Feder, Kumpel“, lautete 1959 das Motto, nach dem Intelligenz und Arbeit in der DDR vereint werden sollten. Bräunigs Weg von einem haltlosen Individualisten zum Arbeiterdichter war mustergültig. Dann erschien ein Vorabdruck seines ersten Romans in der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“, und was da zu lesen war, passte nun gar nicht zum Konzept einer didaktischen Arbeiterliteratur, die vorbildliche Werktätige zu zeigen hatte. Bräunig geriet in den Fokus von Grundsatzdebatten, und dass er dabei seine Anliegen verteidigte statt zu Kreuze zu kriechen, machte die Sache nicht besser. Der Roman durfte nicht erscheinen und blieb Fragment. Zwar konnte Bräunig weiter publizieren, doch sein Hauptwerk blieb im Verborgenen. 1976 starb Bräunig, erst 42-jährig.
Was für ein potentielles Gesamtwerk so verhindert wurde, kann man ahnen, wenn man den nun wieder entdeckten „Rummelplatz“ liest, der nur das erste Buch eines geplanten Riesenprojektes war, dessen Dimensionen an Zola erinnern. Nichts geringeres als ein repräsentatives Panorama der deutschen Nachkriegsgeschichte schwebte Bräunig vor, keine linientreue Weltsicht, sondern Wirklichkeit mit allen Facetten. Bräunig wusste, worüber er schrieb, hatte er doch unter anderem in den Uranbergwerken der Wismut im Erzgebirge gearbeitet, die zeitweise 60% des sowjetischen Uranaufkommens stellten. Dort spielt sich beispielhaft die Frühzeit der DDR vom „Jahr vier nach Hitler“ bis zum 17. Juni 1953 ab. Eine Gruppe exemplarischer Figuren verkörpert die zeitgeschichtlichen Konflikte jener Jahre. Da gibt es den alten Fischer, KP-Mitglied seit den 20ern, KZ-Häftling, ein Muster an glaubwürdigem Klassenbewusstsein, loyal, pragmatisch. Da gibt es den Professorensohn Kleinschmidt, dem wegen seines mangelhaften Klassenhintergrunds das Studium verweigert wird. Er muss sich in der Produktion „bewähren“, sein Ehrgeiz und die Einsicht in die Notwendigkeit seiner Arbeit lassen ihn dort trotz aller Widerstände bestehen. So weit, so normerfüllend. Es gibt jedoch auch Typen wie Peter Loose, ein Abenteurer, Dickkopf und Einzelgänger, der keinem Schnaps und keiner Rauferei aus dem Weg geht, bei der Wismut des guten Lohnes wegen schuftet und mit der Partei und ihrer Ideologie nur wenig am Hut hat – ein Alter Ego des Autors und die Figur, deren kritischer Perspektive und bockiger Unabhängigkeit Bräunigs Sympathie gehört. „Parteien haben fast immer etwas gegen Außenseiter. Sie versuchen, den Mann einzugemeinden, mißlingt das, verketzern sie ihn“. Mit solchen Sätzen musste sich Bräunig Ärger einhandeln.
Es ist die differenzierte Sicht auf eine „Welt ohne Glanz und Schminke“, die Bräunigs Gesellschaftsroman für die SED unzumutbar machte, jedoch dazu führt, dass er noch heute trägt. Mit großem epischen Atem, sinnlich und detailverliebt, entwirft Bräunig ein umfassendes Bild jener Zeit, inklusive einer in der BRD spielenden Parallelhandlung. Bräunigs Schilderungen des Erzgebirgsdorfes, der Knochenarbeit unter Tage, des Baracken- und Kneipenlebens der Arbeiter bilden plastisch und unvergesslich Realität ab. Bei allem Unfertigen und manchen Längen: Rummelplatz ist ein kühnes, kraftvolles Geschichtsepos, „das da handelte von dem, was wirklich geschah in diesem Land“.
Thomas Schaefer
Werner Bräunig: Rummelplatz. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2007. 768 Seiten, 24,95 Euro.