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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:32

 

Yasushi Inoue: Schwarze Flut

14.05.2007


Die Wiederfindung eines Menschen

Yasushi Inoue erzählt mit Schwarze Flut ein Kapitel aus der japanischen Nachkriegsgeschichte und verwebt die persönliche Tragödie eines Journalisten mit einem politischen Rätsel.

 

Der Journalist Hayami Takuo übernimmt 1949 für die Zeitung K die Recherchen im Fall des Generaldirektors der Staatsbahn, Shimoyama Sadanori. Shimoyama war von der Regierung, und die wiederum vom General Headquarter, beauftragt einhunderttausend Beschäftigte zu entlassen. Kurz darauf verschwindet der Bahnpräsident, seine Leiche wird wenige Tage später gefunden.
Während der größte Teil der Öffentlichkeit und die meisten Zeitungen einen Racheakt vermuten, zeigen sich Hayami und seine Kollegen zurückhaltend, vertreten die These eines Selbstmords. Im Kampf um die größten Auflagen handeln sie sich dabei Kritik von der Verlagsleitung ein.
Durch den Tod von Shimoyama wird Hayami erneut mit dem Suizid seiner Frau vor siebzehn Jahren konfrontiert. Wie eine schwarze Flut ergießen sich die Traurigkeit und Melancholie in ihn hinein.
Zur gleichen Zeit nimmt sein alter Zeichenlehrer Sataka Usan mit ihm Kontakt auf. Der Farbenforscher bittet Hayami um Hilfe bei der Veröffentlichung seines Lebenswerks und macht ihn mit seiner Tochter Keiko bekannt.

„Ich besitze meine eigene Farbe!“

Schwarze Flut ist das Persönlichkeitsbild eines Journalisten, der nicht über den frühen Tod seiner Frau hinweggekommen ist. Die Shimoyama-Affäre und die krimihafte Handlung sind nur der Anlass über sich nachzudenken. Es ist die Wiederfindung eines Menschen und seiner Stellung im Leben. Yasushi Inoue versteht es, die unterschiedlichen Ansprüche, denen Hayami ausgesetzt ist, darzustellen. Hierfür eignet sich der Beruf des Journalisten besonders gut, weil die Suche nach der Wahrheit am Ende nicht unbedingt zu mehr Objektivität führen muss. Dort verdichten sich alle Erfahrungen und Gedanken zu einer Erkenntnis: „Ich besitze meine eigene Farbe!“, schießt es der Figur Hayami durch den Kopf, während ihm sein alter Zeichenlehrer ständig neue Kompositionen zeigt und zu vermitteln versucht. Angesichts der Ratlosigkeit, warum seine Frau Selbstmord beging und Shimoyama sterben musste, erkennt Hayami, wo er heute steht. Nicht Vermutungen sind wichtig, sondern Tatsachen.
Das spielt vor dem Hintergrund einer japanischen Gesellschaft voller Unruhe. Während Inoue die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nur andeutet, geht der Übersetzer Otto Putz in seinem Nachwort näher auf die Bedeutung der Massenentlassungen, die Rolle der Gewerkschaften und auf andere Affären ein. Schwarze Flut wurde zuerst als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift veröffentlicht, 1950 dann als Roman und löste eine Reihe weiterer Werke aus, die sich zeitgenössischen Themen aus Politik und Gesellschaft zuwandten, auch wenn Schwarze Flut nur auf den ersten Blick ein Zeitroman ist.
Yasushi Inoue war selbst Journalist und arbeitete für die Mainichi Shinbun, die 1949 eine Minderheitenmeinung im Shimoyama-Fall vertrat. Im Roman schildert er die Geschichte aber neutral, eher nüchtern, nimmt erst gar nicht einseitig Stellung zu dem politisch brisanten Fall. Schwarze Flut endet bemerkenswert offen. Weder im Privaten noch im Beruf seiner Figur entwirft Inoue ein glückliches Ende. Das Leben mit seinen Geheimnissen und Offenbarungen geht weiter. Man verlässt das Zimmer, nur um ein anderes zu betreten.

Ulrich Blode


Yasushi Inoue: Schwarze Flut. Aus dem Japanischen und mit einem Nachwort versehen von Otto Putz. Suhrkamp 2007. Taschenbuch. 190 Seiten. 7,00 Euro.

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