Es ist schon ein paar Jährchen her, dass der isländische Schriftsteller Sjón zu Gast war auf den alle zwei Jahre stattfindenden Nordischen Literaturtagen in Hamburg. Schon damals eilte ihm ein sagenhafter Ruf voraus, ohne dass jemand gar zu viel von ihm zu lesen bekommen hätte, wenn überhaupt. Nur, dass er ein begnadeter Lyriker sei, ein ganz moderner dazu, so wie jeder Isländer ein wahrer Dichter sei, und Texte für das damalige Wunderkind Björk verfasst habe, das raunte man sich zu.
Als er kam, war Sjón der schüchterne, etwas dünne junge und bebrillte Mann, als den man ihn sich phantasiert hatte, und er trug einen Prosatext mit dem Titel „Under The Wings Of The Valkyre“ vor, in dem ein isländischer Junge irgendwo am Strand bei Reykjavik auf eine Frau mit dem Namen Gudrun Ensslin stößt, was allerlei erotische Affekte bei ihm auslöst.
Natürlich wollten damals alle Anwesenden wissen, warum sich ein isländischer Autor derart für eine deutsche Terroristin interessiert, dass er daraus eine Geschichte strickte (und dann auch noch so eine!), doch Sjón blieb eine Antwort schuldig. Gudrun sei so ein richtig hübscher germanischer und nordischer Name, mehr war ihm nicht zu entlocken.
Und er fuhr wieder zurück auf sein Island und eher selten, aber mit Wehmut dachte der Islandfan an ihn (mangels Nachschub sozusagen), bis 2000 in der edition die horen die wegweisende Anthologie Wortlaut Island erschien, wo es etwa in seinem Gedicht „Damenrad“ heißt:
„Das Fahrrad des blinden Mannes
hat wie der Himmel drei Beine
und in einer Büchse auf dem gepäckträger
ist eine Forelle die schnappt
mit vierzehn Mäulern nach dem nackten Rücken
meines Mädchens“
Seitdem sind noch einmal einige Jahre über den Vatnajökull hinweggeweht und der diffuse, aber nicht minder glänzende Ruf des Sjón ist geblieben, auch wenn in der Zwischenzeit hierzulande nur hinzugekommen ist, dass er für Lars von Triers Film „Dancer in the Dark“ die Texte schmiedete, was nicht wenig (Björk! Trier! Sjón! – was für eine Kombination!) zu einer Erneuerung des Sjónmythos beitrug.
Jahrelanges Warten hat sich gelohnt
Nun aber ist endlich ein Prosawerk von ihm in deutscher Übersetzung erschienen, und Sjón wäre nicht Sjón (und nicht profan Sigurjón B. Sigurdsson), wenn nicht auch dieses in Form und Umfang zu seinem Nimbus als mächtiges, aber weitgehend unsichtbares Dichtergenie passen würde.Schattenfuchs blickt zurück in die frühen Januartage des Jahres 1883, und wir begleiten einen Mann bei der Fuchsjagd. Es schneit, es ist kalt, ja bedrohlich eisig, und Jäger und Gejagter setzen alles daran, zu gewinnen, zu überleben.
In kurzen, fast lyrischen Sentenzen ist das gehalten; knappe, hoch motivierende Naturbeschreibungen ergänzen sich bald auf beeindruckende Weise – während man anfangs noch denken mag: Eine Fuchsjagd? Seite für Seite nur der Schnee, der Jäger und der Fuchs?
Nach einem Schnitt lernen wir Fridrik B. Fridjónsson kennen, einen Privatgelehrten, der sich um das Mädchen Abba kümmert, die für andere Ohren nur stammeln kann. Sie ist das, was man heute um Korrektheit und Neutralität bemüht, geistig behindert nennt und ihr Schicksal geht dem Leser ans Herz, auch nach ihrem Tod noch, denn Fridrik will ihren Leichnam nicht dem ortsansässigen Pfarrer überantworten, der ein leidenschaftlicher Fuchsjäger ist. Und mehr erfahren wir von Fridrik, dem Bewunderer der französischen Philosophie, der von Dänemark einreisend in das mehr oder minder der Dunkelheit ausgesetzte Island zurückkehrt, eigentlich gleich wieder abreisen will, dabei Abba findet und sich ihrer schützend annimmt. Bis die Fuchsjagd wieder anhebt und zu einem furiosen Ende gelangt!
Das ist wunderbar geschrieben, überaus raffiniert montiert dazu und das jahrelange, treue Warten, es hat sich wirklich gelohnt. Denn am Ende des Buches angekommen (einem vielschichtigen), nimmt man es sogleich (versprochen!) wieder zur Hand und fängt von vorn an zu lesen, so faszinierend ist der Text, so gelungen die Schleife, die Sjón da vor unseren Augen um uns zieht und die uns an ihn bindet.
Frank Keil
Sjón: Schattenfuchs. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. S. Fischer Verlag 2007. 126 Seiten, 16,90 Euro.