"Reise nach Jerusalem" heißt eines der allegorischen Spiele, mit denen der Kindergarten die meisten von uns auf das Leben vorbereitete. Erinnern wir uns: Die Kindergärtnerin spielte Rolf Zuckowski, alle rannten im Kreis, und als sie die Pause-Taste drückte, setzten wir uns - bis auf einen, der musste ausscheiden. Denn es gab bekanntlich nie genügend Stühle. Wer schließlich als letzter Sitzender übrig blieb, hatte gewonnen.
Mag sein, dass dieses Spiel auch in den Kitas der Sowjetunion verbreitet war. Wladimir Kaminer jedenfalls, der Moskauer unter Berlins Jungliteraten, beherrscht es vorzüglich. Denn er spielt seine eigene, überaus erfolgreiche Variante: Er rennt nicht mit, sondern bleibt bis zum siegreichen Ende einfach sitzen. Während die anderen sich auskeuchen und jedes Mal, wenn das Getöse verebbt, alle in Panik zum nächsten Stuhl rempeln, hat er seinen Stammplatz - auf einem mitgebrachten Diwan, der sich nur schwer verrücken lässt.
Kaminers mittlerweile vierter Titel gibt diesem Spiel nun endlich einen Namen: Die Reise nach Trulala. Literarisch war der Autor von seiner ersten Zeile dort angekommen, in Trulala - und hat sich seitdem nicht bewegt. Man könnte seine bisherigen Bücher, die Kurzgeschichtenbände Russendisko und Schönhauser Allee sowie den Roman Militärmusik, schlicht nicht besser beschreiben als mit diesem Epitethon. Was Kaminer schreibt, ist Trulala. Warum auch nicht, solange er das Spiel gewinnt.
Dabei stellt sich das Reiseziel im Buchtitel nur als die Verballhornung eines Ortsnamens heraus. Das damit beschriebene Dörfchen heißt vielmehr "Turlala", zumindest in korrektem Alttartarisch. Es handelt sich dabei um jenen Ort auf der Halbinsel Krim, über dem 1944 der Kampfflieger Joseph Beuys abstürzte, möglicherweise, so Kaminer, "von Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen, der etwa zu diesem Zeitpunkt auch mit einem Flugzeug unterwegs war." Der selbstverbreiteten Legende nach wurde Beuys von ortsansässigen Tartaren gesund gepflegt, bekanntlich mithilfe von Fett und Filz, dem Manna seiner späteren Privatmythologie.
Doch wenn wir heute Kaminer und seinen Kunst studierenden Helden an die Absturzstelle folgen, wird das alles zwangsläufig wieder - Trulala. Gleiches gilt für die anderen Destinationen des Buchs, ob Berlin, Paris, Moskau, Sibirien oder Dänemark: Nichts als tri-tra-trulala! Laut und leise, gegrölt und gesummt, aber immer mit menschelndem Grinsen auf dem Erzählergesicht, das über einem selbstentfachten Hinterhof-Feuer zu glühen scheint.
Bei aller Wiederholung ist dies immer noch mehr, als man über viele andere Bücher sagen kann. Kaminers Pointen sind es wert, sie hoch leben zu lassen; und wenn der Lobgesang dabei etwas karnevalesk knödelt, umso besser. Denn hier geht es um Unterhaltung, nichts weiter. Und davon gibt es gleich einen ganzen Rucksack voll: kleine, groteske Reisegeschichten, an deren Authentizität man in gleichem Maße glauben mag, wie an die Identität des Erzählers mit seinem Autor.
So erfährt man von einem sibirischen Freizeit-Simulacrum namens Paris, "einer Stadt der Chimären", in der so verdiente Genossen wie Kaminers onkel Boris ihre planwirtschaftlichen Treuepunkte abfeiern konnten - auf einer Frankreich-Reise im eigenen Land. Dass die Bewohner Französisch nur mit russischem Akzent sprechen und der Eiffelturm den sozialistischen Realismus nicht verleugnen kann, stört die Helden der Arbeit wenig. Schließlich gab es schon im Flugzeug Wodka.
Oder man verfolgt das wechselvolle Schicksal des Malers Alex, der mit seiner Familie zum - in diesem Fall echten - Montmartre zieht. Seine Frau Anna vergöttert den Sänger der Moskauer Band Aquarium, deren Kassetten sie ohne Unterbrechung hört. Bis die Jungs eines Tages ein Pariser Gastspiel geben, und kurz darauf bei Kaminer in Berlin ein Paket mit Annas Tonträgern ankommt.
Und man hört natürlich von Kaminers eigenen Abenteuern - in Dänemark etwa, genauer gesagt: in Christiana, jenem linkisch linken Stadtteil Kopenhagens, unter dessen "paradiesischen Voraussetzungen sich die rebellischen Jugendlichen schnell zu Spießern entwickelten. Die einen eröffneten Kneipen mit solch verlockenden Namen wie zum Beispiel 'Woodstock' und nahmen die Touristen aus. Die anderen entwickelten voll automatisierte Jointdrehmaschinen." Dies und die immergleichen Diskussionen, ob Pferd kaufen oder Baum pflanzen, lassen ihn bald zu Kais Mitfahrzentrale, der einzigen in Skandinavien, flüchten: "In seinem Büro hing ein Buch mit Eintragungen von Fahrern und Mitfahrern. Laut diesem Buch hatte Kai ungefähr eine Mitfahrgelegenheit pro Jahr vermittelt."
Im übrigen 'hört' man diese Geschichten tatsächlich, denn Kaminers Stil ist ausgesprochen oral. Es wirkt manchmal, als würde er endlos private Legenden zum Besten geben, die bei jedem neuen Erzählen - das bei Kaminer ja durchaus wahrscheinlich ist -, wieder neue Nuancen erhalten. Die narrativen Preziosen, die selbstreferentielle Kunst, die Psychologie überlässt der geschätzte Vorleser, der mittlerweile Stadtbüchereien und Gemeindezentren zum Bersten bringt, den anderen; jenen, die noch keinen Stuhl zum Setzen haben. Er selbst sagt lieber Ich - und meint es. Hoffentlich.
Mathias Tretter
Wladimir Kaminer: Die Reise nach Trulala. Manhattan/Goldmann, 187 S., 18¤. ISBN 3-442-54542-0