Sebastian Junger: Tod in Belmont
14.05.2007
Neues vom Boston-Würger
Ein Jahr nach der Erstveröffentlichung im Amerikanischen liegt Sebastian Jungers letztes Werk nun im Deutschen vor. Mit Tod in Belmont trägt er eine Geschichte an die Leser, die tief in der amerikanischen Gesellschaft wurzelt und immer wieder auf sie zurückverweisen will, das aber nur bedingt vermag.
Unter den amerikanischen Schriftstellermännern der Gegenwart sticht Junger sicher als derjenige heraus, der sein Mannsein vielleicht am muskulösesten in seine Arbeit trägt – aber dann ist er natürlich auch jünger und weniger greise als etwa Philip Roth und bewahrt eine Authentizität, wenn man ihm in Gedanken eine ratternde Kettensäge in die Hand drückt. Gerne tauchen in seinen Kurzbiographien Hinweise auf, die auf seine frühere Tätigkeit als professioneller Baumkletterer und, nun ja, Kettensägen-Schwinger hinweisen, so als würde er jetzt noch jeden Morgen einläuten, indem er erstmal fünf Festmeter Holz klein und wegschneidet. Packt man dazu noch den unglaublichen Erfolg, den seine Mann-gegen-Meer-Epik Der perfekte Sturm hatte – das Buch, ebenfalls formell eine Reportage, stand über Jahre hinweg auf der Bestsellerliste der New York Times –, mag man nicht glauben, dass er in seiner Themenwahl mit irgendetwas weniger zufrieden sein kann als mindestens einem Kampf gegen alle Elemente, die gerade zur Hand sind. Tatsächlich aber ist er zunächst natürlich, laut eigenem Bekunden, kein Schriftsteller, sondern Journalist und als solcher dann vorgeblich anderen Sitten und Gebräuchen verbunden – als Journalist ist er mutig genug, eine Geschichte auf den Tisch zu ziehen, die auf den ersten Blick verstecktes, und auf den zweiten Blick offenes Gähnen zu garantieren scheint, und das ganz aus einem Selbstbezug: schließlich ist er Teil der Geschichte aus Belmont. Belmont ist eine Vorort-Gartenstadt von Boston, mit gut 25.000 Einwohnern klein, mit vielen Grünflächen grün und mit einer guten Auswahl an regionaler und überregionaler Prominenz besetzt, wie sie sich aus der Stadt eben in die Vororte absetzt. Ein beschaulicher und wohlhabender kleiner Vorort mit einer niedrigen Kriminalitätsrate, einem mittleren Familieneinkommen von über 80.000 US-Dollar, glaubt man den Statistiken, die die Gemeindeverwaltung bereitstellt – und einem dunklen historischen Fleck auf der sehr weißen Weste. Oder zumindest einem Fleck, und Sebastian Junger beschreibt uns, wie dunkel er ist. Anfang der 1960er also wurde das Städtchen von einer unheilvollen Mordserie heimgesucht: der Boston-Würger (nicht etwa der Belmont-Würger) zog durch die Straßen, mordend. Zwischen 1962 und 1964 fielen ihm insgesamt zwölf Frauen zum Opfer, viele davon jenseits der 50 und alle sehr perfide sexuell missbraucht und anschließend erwürgt. Vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde 1967 schließlich der weiße Alberto DeSalvo, und schon ein Jahr später wurde sein Fall auf der Filmleinwand verwurstet. Er starb schon wenige Jahre später im Gefängnis, erstochen von seinem Mitinsassen. Tatsächlich ist seine Schuldfrage nach wie vor nicht ganz zweifelsfrei geklärt, und auch in jüngerer Vergangenheit gab es hin und wieder Versuche, ihm die Schuld für die Mordserie zu nehmen.
Roman oder journalistische Reportage?
Das ist nicht Jungers Anliegen. Seine Geschichte kommt überhaupt erst ins Rollen, als er zu den Massenmorden noch einen weiteren Mord nimmt, der laut offizieller Lesart nicht Teil der Serie ist. Die Tote, die er ins Ensemble einfügt, heißt Bessie Goldberg. Für ihren Tod, der dem Muster des Boston-Würgers zu entsprechen schien, wurde Roy Smith, ein Schwarzer, verurteilt. Zwischen diesen beiden Protagonisten, dem weißen DeSalvo und dem schwarzen Smith, spielt die Geschichte, die Junger erzählen will, nicht ohne immer wieder zu insinuieren, dass doch eigentlich DeSalvo auch für den Mord an Goldberg verantwortlich sei, während Smith aus eher dubiosen, rassistisch motivierten Beweggründen sein Urteil erfahren habe. Der vorbestrafte DeSalvo freilich erwähnte die besagte Frau in seinen verworrenen Geständnissen nicht, und auch diese nicht ganz einwandfreien Geständnisse widerrief er später. Smith auf der anderen Seite war dem Gesetz ebenfalls vor seiner Verurteilung kein Fremder gewesen, und zähneknirschend muss sich Junger an manchen Stellen eingestehen, dass der Mann, dem er hier ein Plädoyer schreibt, tatsächlich schuldig gewesen sein könnte. Die Tochter des Opfers, Leah Goldberg, ist währenddessen noch am Leben und keineswegs erfreut über Jungers Versuche, die Geschichte zu revidieren, indem er dem verurteilten Roy Smith auf ein Neues die Unschuldsvermutung anbietet. Sie wischte, online wie offline, sowohl Junger als auch seinen Verlegern den Fehdehandschuh ins Gesicht und antwortete mit ihrer Interpretation von Fakten, die Junger fragwürdig ausgelegt hatte. Der Tenor unter den Antworten von Junger und Verlegern – ganz abgesehen von den Beteuerungen, dass die Faktenlage des Buches gründlichmöglichst überprüft wurde – geht in eine Richtung, die betont, dass die Ereignisse dann doch mehr als vier Jahrzehnte zurückliegen, so dass Zweifel am Tathergang nicht mehr eindeutig verifiziert oder falsifiziert werden können; und drum kann man auch munter spekulieren und sich den Fall zurechtbasteln.
In einer ihrer Reaktionen moniert Leah Goldberg empört, dass Junger nicht mehr als einen Roman geschrieben habe und eben keine journalistische Reportage – das ist ganz ohne Zweifel wahr. Das zu erkennen erfordert keine Tiefenkenntnis der Faktenlage. Natürlich glaubt man ihm, Junger, gerne, dass drei Jahre Arbeit in das Buch gingen. Es ist gut recherchiert, sauber in den historischen Kontext eingeordnet, aber steht doch vor dem ganz grundsätzlichen Dilemma, dass Junger, glücklicherweise, kein Jurist ist. Er hat eine Geschichte zu erzählen, und in deren Verlauf wird er dann doch zum Schriftsteller, mag sich der Journalist in ihm auch dagegen wehren.
Nähe zum Bösen
Und die Geschichte erzählt er ganz ohne Zweifel geschickt. Eine andere Wahl hat er auch nicht. Juristische und medizinische Exkurse kann er nicht unbegrenzt fahren in einem Buch, das auf eine Breitenwirkung angedacht ist. Schlüpfrig-schaurige Details von den Tatorten hingegen stehen nicht zahlreich genug zur Verfügung, als dass man sie als Selbstzweck einflechten könnte. Also muss eben die Geschichte die Arbeit tun. Und es ist vor allem seine Geschichte: Al DeSalvo, der Würger, arbeitete für Jungers Eltern und ging eine Zeit lang im Junger’schen Haus ein und aus, wo er dem kleinen Sebastian sehr nahe kam. Von dieser unheimlichen Nähe zum Bösen geht die Spannung aus, die die Erzählung hat, nicht von der historischen Tragweite, die Junger bemüht in die Handlung legen will. Das funktioniert gerade dann einmal am besten, wenn er den Tod Kennedys zitiert. Da steht für einen kurzen Moment lang tatsächlich die Geschichte, die sich beharrlich, aber einfach nicht sehr fesselnd um zwei Männer dreht, die beide ein beachtliches Vorstrafenregister hatten, bevor in Boston die Morde einsetzten. Nur mit einem der beiden, dem Würger, verbindet Junger persönliches Interesse. Es existiert sogar ein Photo, auf dem DeSalvo und Baby-Junger gemeinsam zu sehen sind, und weil die Geschichte für ihn interessant ist, soll sie auch für uns interessant sein. Er legt eine Energie in seine Spekulationen, als ob die Justiz von Massachussets dem Fall heute noch irgendeine große Wichtigkeit beimessen würde – und wenn nicht die Justiz, dann doch bitte die interessierte Öffentlichkeit, die seine Bücher auf den Bestsellerlisten hält. Dabei hatte das Land zu dieser Zeit wirklich interessantere sozial-politische Schauplätze, an denen die Machtverhältnisse zwischen Schwarz und Weiß viel gravierender abgewogen wurden, als es hier zwischen DeSalvo und Smith geschieht. Letztlich ist es nur Jungers Geschichte, und weil er sie gut erzählt, lässt sie sich auch gut lesen.
Daniel J. Gall
Sebastian Junger: Tod in Belmont. Deutsch von Jürgen Bürger. Blessing 2007. Gebunden. 320 Seiten. 19,95 Euro.
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