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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:34

 

Ivana Jeissing: Unsichtbar

20.05.2007


Eine Frau entdeckt ihr Leben

Ein gesundes Selbstbewusstsein ist eine wichtige Voraussetzung für die Positionierung in der Gesellschaft – so mancher muss hart dafür arbeiten!

 

„Danke. Mir geht es gut. Ziemlich gut sogar.“ „Unsichtbar und gut?“ „Nein. Sichtbar gut. Seit ich weiß, daß ein unsichtbares Leben nicht unverwundbar macht, sondern ohne einen stattfindet.“ Nach 36 Lebensjahren gelangt die durchschnittlich erfolgreiche Designerin Jane Terry an den Punkt, an dem sie aus ihrem Leben als nicht wahrnehmbarer, „unsichtbarer“ Körper ausbricht. Bis dahin ist sie sowohl ihren Eltern, beides HNO-Ärzte, als auch ihrem Ehemann als Person gleichgültig. Ihr Mann Peter hat sie geheiratet, weil er noch nie im Leben jemanden so „Unvorhandenen“ getroffen hat wie Jane. Er vergleicht ihre Schönheit mit einem weiblichen analytischen Kubismus, dem Gemälde „Ma Jolie“ von Picasso.

Die Liebe als Aufbruch

Jane fügt sich in den „Club der ehrgeizigen Schattentaucherinnen, fest entschlossenen Totstellperfektionistinnen, schweigenden Mauerblümchen und anpassungsfähigen Chamäleondamen“ ein, dem bereits ihre Mutter und Großmutter angehört haben; bis eine „hormongesteuerte Naturgewalt“, die Liebe, sie vereinnahmt: Sie verliebt sich in den Erdbebenforscher Daniel Pendelstein, sagt zum ersten Mal in ihrem Leben, was sie denkt, und nimmt sich – entgegen aller mütterlichen Ratschläge – endlich selbst wichtig.
Als Gegenpol zu Jane tritt ihre ehemalige Studienkollegin Jill Plumhammer auf. Sie ist erfolgreich, sexy, selbstbewusst – ein Beispiel für eine moderne Frau, die „in ihrem eigenen Licht steht“ und „keine Beleuchter“ benötigt.

Entwicklung zum Individuum

In ihrem Debüt Unsichtbar erzählt Ivana Jeissing mit viel Witz und Ironie die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau zu einem selbständigen Individuum. Sie thematisiert die Rolle der Frau in der Gesellschaft, dabei werden Konflikte zwischen Generationen und Geschlechtern beleuchtet. Ob Kunst, Literatur, Architektur oder Naturwissenschaften – Jeissing benutzt ganz unterschiedliche Perspektiven, um verschiedene Frauenrollen aufzuzeigen; zudem auch, um zu belegen, dass wahre Liebe nicht von Dauer sein kann, und sich im nächsten Schritt über die romantische Erzählweise in der Literatur zu mokieren: Goethe, Schiller und die großen Romantiker werden, nicht ohne Zynismus, zu „Hormonjunkies“ degradiert.

Lockere, leichte Lektüre

Der Roman behält durchweg seinen lockeren, leichten Ton, und dennoch gibt er dem Leser Anlass, über den Alltag und die Gesellschaft, vielleicht über das eigene Leben zu reflektieren. Unsichtbar ist zugleich Entwicklungs- als auch Liebesroman, und für die in Österreich geborene und in Salzburg und Turin aufgewachsene Regisseurin, Creative Direktorin und Autorin Jeissing bestimmt ihr Durchbruchroman, der sie als bemerkenswerte Geschichtenerzählerin gut sichtbar macht.

Eva-Maria Vogel


Ivana Jeissing: Unsichtbar. Diogenes 2007. 224 Seiten. 18,90 Euro.

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