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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:34

 

A.L. Kennedy: Alles was du brauchst

20.02.2004

 
Das Leben und Avalon

Wie schon bei ihren vorherigen Büchern versuchten bigotte Kritiker auch diesmal, Kennedy zu pathologisieren. Deren Eleganz und fast kühle Ökonomie, gleichzeitig aber die tiefe Humanität ihrer Figuren, die einen in den besten Momenten an Virginia Woolf denken läßt, gingen über solchem Moralgeifer notwendigerweise verloren.

 

Wussten Sie, dass sich Alkoholiker jenseits des Magengeschwürs Klistiere legen lassen, die den Stoff direkt in den Darm befördern? Das ist, bei vergleichbarer Wirkung, weniger gefährlich als Injektionen, hat allerdings den Nachteil, dass man es nicht selbst machen kann. Doch in Städten wie London, zumal in deren Literaturszene, findet man Sadisten, die die anale Ethanolversorgung gerne für einen übernehmen - selbstverständlich gegen eine kleine Gegenleistung. Im Fall des Lektors J.D. Grace sind dies Zähne bzw. die sexuellen Kicks, die ihre Entfernung bei seinem Hobby-Internisten und Neu-Dentisten Oscar auslösen. Pro Einlauf verlangt der jeweils eine Gebisskorrektur - ein hoher Preis, den man zudem nicht mehr als gute 30 Mal zahlen kann. Aber Grace hält durch; mit Oscars Hilfe kriegt er seinen Körper langsam aber sicher klein: Ende 1995 ist er schließlich tot.

Zu diesem Zeitpunkt läuft die Handlung von Alles was du brauchst bereits fünf Jahre. J.D. Grace ist übrigens auch weit davon entfernt, die Hauptrolle in A.L. Kennedys umfangreichem neuen Roman zu spielen. Trotzdem waren seine unappetitlichen Eskapaden - und speziell die beschriebene - der englischen Kritik viele bittere Absätze wert. Wie schon bei ihren vorherigen Büchern versuchten die bigotteren ihrer Vertreter auch diesmal, Kennedy zu pathologisieren; und sei es nur, um in der Schmuddelecke neurotischer Widerlinge eine Kategorie für ihre verstörende Prosa zu finden. Deren Eleganz und fast kühle Ökonomie, gleichzeitig aber die tiefe Humanität ihrer Figuren, die einen in den besten Momenten an Virginia Woolf denken läßt, gingen über solchem Moralgeifer notwendigerweise verloren.

In seinen ganz persönlichen Konsequenzen zu besichtigen ist dieses öffentliche Unverständnis auf A.L. Kennedys Web-Site, einem düsteren Exempel virtualisierter Verbitterung. Voller Selbstgerechtigkeit zitiert Kennedy dort ihre Rezensenten, um sie sogleich, ob Freund oder Feind, mit ein paar Sätzen zu vernichten. Daneben lassen ihre sardonischen Antworten in der Rubrik Frequently Asked Questions ahnen, wie sehr sie sich auch über die Literaturkritik hinaus von übelwollenden Idioten umgeben fühlt.

Sie hat ja recht. Allein, die beleidigte Gegenrede bringt nichts und macht hässlich - und im übrigen hat sie doch das sehr viel effektivere Mittel der Satire an der Hand. Hinter der perfiden Dialektik ihres Sympathieträgers J.D. Grace etwa, der den Literaturbetrieb selbst so glühend verachtet, dass er sich an dessen Exzessen zugrunde richtet, bleiben Kennedys nicht-fiktionale Ausfälle weit zurück. Und auch die anderen Figuren des Romans sind vom literarischen Leben gezeichnet - notwendigerweise, denn Alles was du brauchst ist ein Buch über das Schreiben.

Sieben Schriftsteller haben sich auf eine verlassene kleine Insel vor der walisischen Küste zurückgezogen, um sich selbst und damit ihrer Berufung näher zu kommen. Alle sind auf die eine oder andere Weise beschädigt, alle kennen die Anderen gut genug, um ihnen zu mißtrauen.

Initiator der Klausur ist ein etwas sozialpädagogisch geratener Spät-Hesse namens Joe Christopher, der lieber gärtnert als schreibt, und seine Exilanten mit zuweilen riskantem Selbstfindungs-Klimbim überzieht. Allein die Gruppendynamik des ritualisierten Sonntagsessens ist eine Zumutung. Darüberhinaus müssen alle - im Sieben-Jahres-Rhythmus - schriftliche Prophezeiungen über ihre Zukunft abgeben, die in einem Tonkrug gesammelt und am Ende des Zyklus vorgelesen werden. Gleichzeitig gilt die Empfehlung, siebenmal bewusst sein Leben aufs Spiel zu setzen, um es, falls man durchkommt, endgültig geschenkt zu bekommen. Einer von ihnen hat es bereits nicht geschafft.

Unter diesen Vorzeichen begegnen wir der Hauptfigur - bei einem weiteren Versuch, einen Selbstmord zu überleben. Nathan Staples sitzt in seinem Haus, die Handgelenke sorgfältig aneinandergebunden, die Schlinge um den Hals; als Sterbegleitung hat er Das Wohltemperierte Klavier aufgelegt. "Viel schneller und viel langsamer als erwartet wird er nach oben und nach rechts gerissen, als er den Stuhl umstößt. [...] Sprunghafter Druck auf das Jochbein, auf die Augen. Das Leben kämpft in der Kehle." Und gewinnt schließlich: "Ich bin immer noch da. Scheiße."

Die beglückende Katharsis des Überlebens, die er dennoch spürt, hält nur kurz an. Dann kehren die Dämonen der Vergangenheit zurück. Nathan, der ernste, jedoch mit Horror-Trash erfolgreich gewordene Schriftsteller, ist verlassen worden. Irgendwann konnte seine Frau die Priorität des Schreibens nicht mehr ertragen. Sie zwang ihn zu gehen, sich für immer von ihr und der ebenso vergötterten kleinen Tochter Mary zu trennen. Geblieben sind ihm nur ein Foto, der verhasste Literaturbetrieb, der ihn geistig so korrumpiert hat wie seinen Freund J.D.Grace körperlich, die Insel und sein Hund.

Bis es ihm gelingt, die inzwischen fast erwachsene, inzwischen schreibende Mary als Stipendiatin auf Foal Island zu locken. Damit wird die zweite Perspektive des Buchs eröffnet, die zunächst ganz als Bildungsroman daherkommt. Mary Lamb verlässt zum ersten Mal ihre (Ersatz-)Familie, d.h. ihren homosexuellen o­nkel Bryn und dessen Freund Morgan, bei denen sie im Glauben, ihr Vater sei tot, aufgewachsen ist. Auch ihren Freund Jonathan lässt sie für ihren siebenjährigen Aufenthalt zurück. Sie möchte unbedingt Schriftstellerin werden, und die Schreibkolonie soll ihr dabei helfen. Der ihr zugeteilte Mentor ist, wie könnte es anders sein, der berühmte Nathan Staples.

Als habe man es bei dem Schriftsteller-Kreis mit einer Art durchgeknallter Turmgesellschaft zu tun, wissen alle auf der Insel Bescheid über Mary, nur eben sie selbst nicht. Nathan ist ihr anfangs nichts als ein ungeliebter Lehrer, die anderen findet sie zurecht mehr oder weniger seltsam.

Schnell jedoch verkehren sich die Kategorien und es stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wen leitet. Eine nach der anderen Figur enthüllt ihre Schwäche; Mary Lamb, das Lamm, stellt sich, trotz Trennung von ihrem Geliebten und baldigem Verlust "ihrer o­nkel" durch Krankheit und Tod, als einzig Unbeschädigte heraus.

Nathan wiederum verfällt ihr, wie er ihrer Mutter verfallen ist. Dabei wird es ihm bis zum Schluß nicht gelingen sich ihr zu eröffnen. Stattdessen schreibt er ein Buch, jenen einen ernstzunehmenden Roman, den er sich selbst und seinem Lektor Grace versprochen hat. Es ist sein an Mary gerichtetes Bekenntnis, das er nur in dem vermeintlich ihm gehörenden Medium loswerden kann. Denn die non-verbalen Codes der Zwischenmenschlichkeit, ja sogar die der gesprochenen Sprache, entgleiten ihm beständig. So wird ihm Leben Literatur und sogleich - denn von Marys Lektüre hängt alles weitere ab - wieder Leben.

Sieben Abschnitte dieser confessions lesen auch wir mit. Die ersten sechs tragen im Titel den Namen entrückter Orte, von "Atlantis" bis "Paradies". Nathan erzählt darin seine Liebesgeschichte mit Marys Mutter, deren Stationen ihm inzwischen ähnlich mythisch erscheinen. Der Name, den man vielleicht am ehesten dort vermuten würde, taucht unter den Titelorten nicht auf: Avalon, die verklärte Ruhestätte König Artus'.

Damit beugt sich Nathan gewissermaßen der Symbolik von Alles was du brauchst. Denn schreibend beschwört er allein die Vergangenheit. Avalon hingegen könnte man seine, könnte man aller Inselbewohner Gegenwart nennen. Für sie ist Foal Island ein Rückzugsort jenseits des Todes, den sie, jeder auf seine Weise, bereits gestorben sind, noch bevor sie überhaupt ihr Leben riskierten. Ohne Aufdringlichkeit spielt Kennedy mit der mythischen Folie, die sich in der keltischen (oder keltischstämmigen) Zueignung ihres Romans ankündigt. Die uneinige Tafelrunde, die metaphysisch verbrämte Aventiure des Russisch-Roulette, der Tonkrug, das Lamm und der Gral, von dem einmal nebenher die Rede ist - das sind die symbolischen Koordinaten, innerhalb derer Kennedy ihren Stoff als anthropologisch konstanten verortet. Schreiben, so deuten ihre Figuren an, Schreiben ist die Suche nach dem Leben, dem ewigen. Oder Frieden. Oder einer verlorenen Tochter. Das sollte es jedenfalls sein - auch in London.

Mathias Tretter



A.L. Kennedy: Alles was du brauchst. Roman. Wagenbach. 572 S. Euro 29,50.ISBN 3-8031-3712-3

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