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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:35

 

Vladimir Zarev: Verfall

28.05.2007


Der Traum der Freiheit ist aus


Das Unterhaltsame an der menschlichen Verzweiflung: Vladimir Zarevs Roman
Zerfall

 

Verfall heißt der erste ins Deutsche übersetzte Roman des renommierten bulgarischen Schriftstellers Vladimir Zarev, und bei diesem Titel weht einen gleich der muffig-strenge Geruch eines konservativen Weltbildes, mindestens aber des Kulturpessimismus an. Verfall ist ja gar nicht denkbar ohne einen positiven Bezug zu früher. Ist Zarev also nur ein weiterer kulturpessimistischer Autor, der die Vergangenheit zu Ungunsten von Gegenwart und Zukunft glorifiziert?

Keineswegs. Wenn es so etwas wie eine Formel in Verfall gibt, dann lautet sie: Früher war vieles schlecht. Heute ist vieles schlecht. Morgen wird vieles schlecht sein. Nur das, was schlecht war, ist oder sein wird, ändert sich. Konfrontieren wir diese Formel mit einer anderen im Roman erwähnten Formel, nämlich der Lebens- und Arbeitsmaxime "Wenn etwas mit Geld nicht geht, dann geht es eben mit viel Geld" des nach 1990 rasch zu Vermögen und Einfluss gekommenen Bojan, dann ergibt sich Zarevs Thema ganz von selbst. Verfall untersucht literarisch den Umbruch Bulgariens vom Staatssozialismus zum Kapitalismus.

Dabei stehen sich zwei Figuren gegenüber, anfangs antagonistisch, später kommen sie sich näher. Da ist Martin Sestrimski, ein einst vom Staat geförderter Schriftsteller, der sich nach der Wende nur noch dem Suff ergibt. Und da ist Bojan Tilev, ehemaliger Staatsangestellter, der zur rechten Zeit am rechten Ort die richtigen Leute kennt und sich nach und nach ein auf Zigarettenschmuggel basierendes kleines Firmenimperium aufbaut.

Zwischen den beiden Protagonisten liegt der Rest Bulgariens, also der politisch-wirtschaftlich-offizielle ebenso wie der alltäglich-banale, oder anders gesagt: einige Reiche und viele Arme, wenige Helden und viele Verlierer. Eins jedoch eint sie alle: der Betrug. Oder wie es in dem Roman heißt: "Der größte Teil der Leute hielt sich und die Familie ohnehin nur durch kleinere Betrügereien über Wasser und war darauf eingestellt, auf den Wellen des Chaos zu reiten." So denkt Bojan an einer Stelle und hält damit eigene Skrupel wegen seiner regelmäßigen Zahlungen an korrupte Politiker, Journalisten und Geschäftsleute klein.

Gefängnis „Zur ausgeträumten Freiheit“

In Zarevs kapitalistischem Bulgarien sind Korruption und Käuflichkeit so verbreitet, wie es Bürokratie und Militär im sozialistischen waren. Bojan weiß: "Mit Politik - so erwies sich nach der Wende zum wiederholten Male - war in Bulgarien am leichtesten, am schnellsten und am sichersten Geld zu machen." Und auch die Gründe sind ihm bekannt: "Es gibt nichts Besorgniserregenderes und Deprimierenderes als die Ungewissheit, denn gegen die Ungewissheit gibt es keine Strategie." Martin dagegen kommt zu der Erkenntnis: "Wir leben im Gefängnis ,Zur ausgeträumten Freiheit'."

Manches in Verfall nervt, etwa die Spielchen mit den biblischen Namen Maria und Magdalena oder die semiphilosophischen Räsonnements des gewaltbereiten Hyperkapitalisten Bojan oder die erdrückende Nähe Zarevs zu seinem Alter Ego Martin. Aber es nervt nur zu Beginn. Wer sich davon abschrecken lässt und nicht weiterliest, verpasst eine schöne, vom Moralisieren wie von Häme weit entfernte, in einer unaufgeregt-präzisen Sprache formulierte Geschichte.

"Die menschliche Verzweiflung hatte etwas Unterhaltsames, weil die Ursachen so unvorhersehbar und vielfältig waren wie das Leben selbst", denkt Martin, als er aus Geldnot bei einem Büro für telefonische Seelsorge anheuert. Das ist noch so ein Satz, der zur Formel für diesen Roman taugt. Denn über Verzweiflung kann man, wie Zarev zeigt, durchaus unterhaltsam schreiben. Konservativen und Kulturpessimisten wird das nicht gefallen.

Maik Söhler


Vladimir Zarev: Verfall. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 512 Seiten, 24,90 Euro.

Erstveröffentlicht im taz Magazin vom 5.5.2007.

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