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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:35

 

Jonathan Lethem: Als sie über den Tisch kletterte

20.02.2004




Die Liebe in den Zeiten der Quantenphysik

Jonathan Lethems neuer Roman krümmt den Raum des Begehrens.



 

"Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion" heißt einer der ersten kryptischen Aufsätze des französischen Psychoanalytikers und Götzen der Postmoderne, Jacques Lacan. Worum es darin geht, scheint auch nach mehrfacher Lektüre weder wirklich erschließbar; noch ist diese Bedeutungszuschreibung überhaupt wünschenswert. Denn Sinn, so will es die Theorie, ist immer schon Gewalt. Das hatte zur Folge, dass unendlich viel mehr Unwägbares über das Spiegelstadium geschrieben wurde, bis es vor lauter Überdeterminiertheit schließlich als sinnentkleidetes Schlagwort da stand.

Damit wollen auch wir uns hier begnügen. Das Spiegelstadium definiert demnach jene Stufe in der Entwicklung des "Menschenjungen" (Lacan), in der dieses in der dialektischen Wahrnehmung und Abgrenzung vom Anderen, welches dem gespiegelten Eigenen entspricht, die imaginerte Symbiose mit der Mutter verliert und in den Bereich des Sozialen übergeht. Diese Sozialisation wiederum wird ausgetragen auf dem Schlachtfeld der Sprache, die dem Individuum insoweit Gewalt antut, als sie es zwingt, die Repräsentationen seiner Triebe in Metaphern und Metonymien zu verschieben, sei es im Traum, oder jeder anderen Form von Text. Will man dem entgehen, so muss man schweigen.

Möglicherweise, so könnte man gut postmodern weiter palavern, hat Jonathan Lethem darüber ein Buch geschrieben. Jedenfalls gibt es darin Spiegelungen en gros, einen bescheuerten Dekonstruktivisten, eine Lacan-Feministin, die "je nachdem, wie sie stand, entweder dick oder dünn" aussieht, intelligente Paralleluniversen und die dazugehörigen Physiker, den üblichen Blinden, der, nichts sehend, sieht, sowie seinen Bruder, der, ebenfalls erblindet, nichts sieht.

Doch von vorne. Als sie über den Tisch kletterte ist zunächst die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Anthropologen Philip Engstrand und der Physikerin Alice Coombs. Der Ich-Erzähler Philip hat seine Doktorarbeit über "Theorie als Neurose in den Berufswissenschaften" geschrieben und daraufhin eine Stelle an einer kalifornischen Universität erhalten - Forschungsgebiet: Anthropologie als universitäre Disziplin. Ergebnisarme Selbstbespiegelung wird ihm mithin zum Beruf. Als Leiter irgendeines irrelevanten Projekts lernt er Alice kennen, die an der Reproduktion des Urknalls im Labor arbeitet. So weit, so akademisch: "Anthropologie und Physik. Abends kochte meist ich. Alice arbeitete lang."

Aber Alices Experiment geht signifikant daneben. Ihr Chef erklärt, warum: "Um das Schwarzschild-Universum mit dem De-Sitter-Universum zu vereinen, mußten wir ein Paar dynamischer Oberflächen schaffen, vor einem asymptotischen Minkowski-Hintergrund, versteht sich." Was so nicht funktioniert, versteht sich. Zurück bleibt ein Nichts über dem Experimentiertisch, das Gegenstände verschlingt.

Wie sich bald herausstellt, trifft das sogenannte "Leck" dabei eine Auswahl. Alles mögliche wird versuchsweise über den Tisch geschoben, doch nicht alles verschwindet im Paralleluniversum: Weder Kalium noch Pyrit, dafür aber Anthrazit; befruchtetes Entenei ja, Entenei-Omelett nein.

Alice schließt daraus, dass man es mit einer Art reiner Intelligenz tun haben müsse - und verliebt sich prompt. Sie schläft fortan im Labor. Für Philip stellt sich fürderhin die Frage, wie man es mit einem immateriellen Nebenbuhler aufnimmt. Seine Chancen stehen denkbar schlecht. Denn was, wenn nicht das Nichts ist der ideale Partner? "Leck" ist körperlos, bedürfnislos, undefiniert, eine von allem befreite Klon-Seele, ein Labor-Nirvana, ein Schopenhauerscher Wille aus Raumzeit. Wer es liebt, empfindet per definitionem reine Liebe.

Alice hat daher recht, wenn sie Philip an einer Stelle vorhält, er hätte sich ebenso verliebt, wäre er der Erste gewesen, der Leck gegenübertrat. Ihr Irrtum, unser Irrtum liegt woanders: Die reine Liebe ist nichts als Narzißmus. Lecks Unwiderstehlichkeit basiert auf der Entspiegelung des Begehrens. Leck ist der Andere, in dem wir uns nicht wiedererkennen müssen, der Spiegel, der kein Bild zurückwirft. Nicht ohne Grund klettern alle Figuren über den Tisch, um sich verschlingen zu lassen, wie Narziß, der sich ins Wasser wirft.

Gut möglich jedoch, dass es darum gar nicht geht. Dass Jonathan Lethem vielmehr eine konventionelle campus novel geschrieben hat, die beißende Satire auf den Wissenschaftsbetrieb mit einer o­ntologisch etwas verwirrten Dreiecksgeschichte verbindet. Die Karikaturen jedenfalls, die seine Universität bevölkern, könnten allesamt dem Personal der Romane David Lodges und Malcolm Bradburys entstammen; und Philip Engstrand mag der intertextuellen Lesart schlicht als eine weitere Reinkarnation von Kingsley Amis' Lucky Jim vorkommen. Einen entscheidenden Unterschied allerdings gibt es: Lethem ist besser - galliger als Lodge und Bradbury, intelligenter als Amis und weitaus subtiler als alle drei zusammen. Mit Als sie über den Tisch kletterte ist ihm mehr als ein würdiger Anschluss an seinen hervorragenden ersten auf Deutsch erschienenen Roman Motherless Brooklyn gelungen. War dies eine groteske Krimiparodie, so zeigt Lethem jetzt, dass er auch die Stilmittel anderer Genres souverän zu verzerren weiß. Angesichts der Lesbarkeit seines Buches beginnt man schließlich zu zweifeln, ob der Autor je an Lacan gedacht hat. Aber er hätte gekonnt, ganz sicher.

Mathias Tretter



Jonathan Lethem: Als sie über den Tisch kletterte. Roman. Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner. Tropen. 249 S. ISBN 3-932170-56-3. 17,80 Euro.

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