Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 18:35

 

Yasushi Inoue: Der Tod des Teemeisters

04.06.2007


Stille Übung gegen das Vergessen

Auf den Weg des Tees will Inoue seine Leser führen, der gleichzeitig auch ein Weg des Buddhismus ist. Sein Roman zum Tod des erhabenen Sen no Rikyu wird nebenbei zur Meditationsvorlage. Nach über 25 Jahren liegt er nun auch in deutscher Übersetzung vor, rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Meisters.

 

Yasushi Inoue (1907–1991) war eine der großen Konstanten der modernen japanischen Literatur und schrieb in seinem umfangreichen, sehr breiten Werk kräftig am asiatischen Geschichtsbewusstsein mit. Diesem konnte er produktiv sowohl auf großer wie auch auf kleiner Bühne begegnen – eine fiktionalisierte Biographie des Ghengis Khan reiht sich so neben einen leisen Roman wie Der Tod des Teemeisters. Das mag nicht ganz eingängig sein in einem Kulturraum, der neben der Kaffeemaschine sinnigerweise und hocheffizient auch die Teemaschine kennt, vom Teebeutel an sich ganz zu schweigen, aber: der Teemeister, den Inoue hier fiktionalisiert, hat einen tragenden Einfluss auf die japanische Kultur, der bis heute weiter reicht. Sein Name: Sen no Rikyu, historisch belegt für das 16. Jahrhundert als Vollender des Teewegs – und es ist möglicherweise wirklich treffender, nicht von einer Kultur zu reden, sondern von einem Weg, den man immer und immer wieder geht und die kleinsten Schritte genauestens setzt, wie auf dem morgendlichen Weg zur Kaffee- und/oder Teemaschine, aber mit unendlich mehr liebevollen Details versehen: Tee trinken nach Rikyu ist nichts für allzu eilige Pappbecherhalter. Rikyu nun ist vielmehr bekannt als Begründer der Wabi-Cha-Tee-Tradition, einer Art straight-edge-Bewegung der mittelalterlichen japanischen Teekunst, die auf eine bewusste, gelebte Einfachheit der Teeritualistik abzielte. Um diese angestrebte Einfachheit oder vielmehr um die Idee der Einfachheit spannt sich eine sehr sorgfältig ausgelebte Ästhetik, die jedem verwendeten Gegenstand eine Persönlichkeit und eine Individualität zuweist, eine besondere Rolle. Das berücksichtigt auch Inoue, und noch nie waren oft auch ausgedehnte Beschreibungen der Charakteristika von Teepötten, Teelöffeln und Teehäusern der Okzidental-Kultur so nahe wie in Inoues Roman. Begriffen als meditative Praxis geht das Teeritual fließend in andere Praktiken über, wie etwa in die Kalligraphie und Ikebana.

Rikyus Leben, um endlich der Geschichte näher zu kommen, nahm ein tragisches Ende: auf Geheiß des Toyotomi Hideyoshi (1537–1589) – des großen Feldherren, Politikers und Reichseiner Japans – schwang er sich schließlich auf seinen Dolch und beging den Sepukku, die rituelle Selbstentleibung. Der Grund ist Stoff von Legenden – und Motiv in Inoues Roman, wenn auch kein Leitmotiv. Warum Teemeister Rikyu sich selbst entleiben musste und aus der Gunst des Hideyoshi fiel, bleibt unklar und kann auch bewusst nicht geklärt werden: ab einem gewissen Punkt ist der Roman doch mehr Meditationsexerzitium als historische Arbeit.

Diese Wirkung befördert Inoue noch, wenn er geschickt einen fiktionalen Rahmen strickt, um die Geschichte darin einzuwickeln. Sie begegnet uns in der Form von Tagebuchaufzeichnungen eines Honkaku – eines Schülers des großen Teemeisters, der nach dessen Selbstmord die Welt des Tees aufgibt und sich als Einsiedler-Zen-Mönch in eine karge Klause im Wald zurückzieht. Eingeschlossen wird sie von zwei Rahmenbemerkungen, deren Autorenschaft bewusst undeutlich bleibt: schreibt sie Inoue, der Historisierer, der hier nur unbeteiligt die Aufzeichnungen des Mönches wiedergibt? Inoue, der Meister der historischen Fiktion, der einen großen Stoff aufarbeitet und ihm nur geringfügig unter die Arme greift? Ein anderer, dessen Stimme Inoue wiedergibt?

„Ich habe mich bemüht, diese lange vergessene, doch gut erhaltene Schrift in eine Chronik in moderner Sprache umzuwandeln. Zu diesem Zweck habe ich Wiederholungen gestrichen, an einigen Stellen Ergänzungen vorgenommen und Erklärungen hinzugefügt. Da das Manuskript keinen Titel hat, will ich es >>Honkakubos Vermächtnis<< nennen.“

Natürlich hat das angebliche Manuskript keinen Titel – es umfasst ja auch nicht mehr als die eigentlich ganz und gar privaten Aufzeichnungen eines (historisch nicht belegten) Mönches, die hier in einer Fiktion erarbeitet werden. Und nicht nur der Autor fügt Erklärungen hinzu, auch die Übersetzerin schaltet sich mit Fußnoten ein, und ein Personen- und Sachglossar am Ende des Buches versuchen, den Text noch authentischer und erfahrbarer zu machen. Dabei kommt es auf historische Details eigentlich nicht an. Lässt man einmal die ganze Peripherie beiseite, ist die Erzählung des Honkaku so still und langsam wie ein stolzer Gedanke, über den man meditiert, zeitlos aber ist sie nicht, das verhindern spezifische historische Daten, die der Mönch in seine Geschichte baut, wie auch seine konstanten Verweise auf die Figur des Hideyoshi, dem der Mönch gerne den Tod seines Meisters anlasten würde, nur um wieder festzustellen, dass der eigentlich so offensichtliche Tod auf Befehl doch nicht so offensichtlich ist. Lösen wie ein Kriminalrätsel kann und will er, der Mönch-Eremit, ihn nicht: auch in seiner kleinen Klause vergehen die Jahrzehnte, ziehen nach hinten, und je älter Honkaku wird, desto schwerer fällt es ihm, die Details der Geschichte überhaupt noch einmal zu erzählen. So wird der Roman dann zur Übung gegen das Vergessen, gegen das sich der Mönch, vergeblich, stellt – und seine Ruhelosigkeit, auch Jahrzehnte nach dem Tod des Rikyu, wirkt umso stärker, als sie seine Ruhe und Abgeschiedenheit immer wieder bricht.
„Die Zeit verschlingt alles, spült alles spurlos davon. Sie ist furchterregend, gnadenlos. Nicht lange und auch ich, Honkakubo, werde, ohne eine Spur zu hinterlassen, vom Fluß der Zeit hinweggeschwemmt werden.“
Den Kampf gegen das Vergessen, den Honkaku führt, gewinnt dann erst Inoue, der um die eigentlichen Ereignisse, wie man sie in einem Geschichtsbuch nachlesen kann, eine Geschichte um Gedächtnis und Zeitbewusstsein schreibt und ihr einen derart ruhigen und kontemplativen Schritt gibt, das sie sich beinahe von allein in den Leser einbettet.

Daniel J. Gall


Yasushi Inoue: Der Tod des Teemeisters. Deutsch von Ursula Gräfe. Suhrkamp Verlag 2007. 168 Seiten. 19,90 Euro.

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...