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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:35

 

Mordecai Richler: Die Lehrjahre des Duddy Kravitz

04.06.2007


Lehr- und Wanderjahre eines Unbequemen

„Da, wo Duddy Kravitz herstammte, wuchsen die Jungen auf wie das Gras neben Eisenbahngleisen, im Dreck, traurig, zwischen Dornen.“

 

Duddy Kravitz wächst in der St. Urbain Street in Montreal auf. Sein Vater ist ein kleiner Taxifahrer und ein großer Aufschneider. Nach dem Tod seiner Frau bringt er zwar seine beiden Söhne allein über die Runden, doch nicht immer mit moralisch einwandfreien Mitteln. Nur sein Sohn Lennie macht ihm Freude, Duddy bleibt ihm fremd.
Geschickt entwirft Mordecai Richler die Atmosphäre des jüdischen Viertels. Über den Umweg der entnervten Lehrer, die herben Streiche der Schüler skizziert er die Lebensbedingungen des Jugendlichen, die ihm nicht viel Spielraum lassen. Gleichzeitig Verlierer und Führungspersönlichkeit und ohne wirkliche Bezugsperson muss Duddy allein zurecht kommen. Von seinem Großvater hört er, dass ein Mann ein Stück Land besitzen müsse. Die Maxime des polnischen Emigranten wird zu seiner Obsession. Wie er allen Widerständen zum Trotz diesem Traum versucht zu folgen, ist eine spannende Wildwasserfahrt, die ihn über Umwege als Schmuggler, Filmproduzent und Toilettenartikelvertreter in die irrwitzigsten Abenteuer verwickelt.
Dabei steckt er harte Schläge ein, und man möchte jedes Mal aufschreien, wenn er, nachdem er endlich wieder einigermaßen ruhiges Fahrwasser erreicht hat, sein Boot fast zum Kentern bringt und ohne zu zögern riskiert, dass seine Mitreisenden ertrinken, wenn es ihn nur seinem Ziel näher bringt.

Ein noch immer frisches Werk

Für seine Darstellung des nah an der Grenze zur Kriminalität operierenden Raffkes Duddy ist Mordecai Richler von Seiten der jüdischen Gemeinde nicht mit Lob überschüttet worden. Aber er zeigt weniger das Bild des Juden, das während des Dritten Reiches zur Diffamierung und zu Propagandazwecken benutzt wurde, als das eines Angehörigen des Subproletariats. Eine Schicht, die sich über alle Religionsgemeinschaften erstreckt und deren Mitglieder nirgends geliebt wurden, schon gar nicht, wenn sie aufsteigen wollten. Richler (1931–2001) zeigte Sympathie für die Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und die nicht immer mit den angesehendsten Mitteln ums Überleben kämpfen. Er wollte als Jude und Kanadier schreiben und widersetzte sich jeder Form von Klischees. Obwohl man ihn zur kanadischen Nationalliteratur rechnet, machte er es auch seinen Bewunderern nicht leicht. Als Verfechter der englischen Minderheit im französischsprachigen Kanada stiftete er einen Literaturpreis, der nur an englischsprachige Werke vergeben werden darf.
Die erst jetzt vorliegende deutsche Übersetzung zeigt ein noch immer frisches Werk. Vielleicht steckt in dem kratzigen Protagonisten Duddy auch einiges von seinem Schöpfer, der die Provokation liebte. Auch Duddy Kravitz macht es einem nicht leicht, ihn zu lieben. Aber sein unbedingter Wille, nicht unterzugehen und seinem Traum zu folgen, koste es, was es wolle, macht es schwer, nicht mit ihm zu fühlen.

Maggie Thieme


Mordecai Richler: Die Lehrjahre des Duddy Kravitz. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Liebeskind 2007. 432 Seiten. 22,00 Euro.

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