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Mohsin Hamid: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte

10.06.2007


West-östlicher Monolog

Moshin Hamids Roman ist das interessante literarische Porträt eines „Fundamentalisten, der keiner sein wollte“.

 

Auf einem Platz in Alt-Anarkali, der Altstadt von Lahore, spricht er einen amerikanischen Touristen an. Sein Name ist Changez. Der Pakistani erzählt dem anonymen Zuhörer, der ohne Stimme bleibt, seine Geschichte. Die Geschichte eines Siegertyps. Eines Gewinners mit der natürlichen Agressivität eines Sportlers. Was er erreichen will, bekommt er auch. In Princeton gehört er zu den Besten. Von der Universität weg wird er nach seinem Abschluss von einer New Yorker Elite-Unternehmensberatung engagiert. Ihr exklusives Geschäftsfeld: die zielgenaue Bewertung des Potenzials von Firmen. Als Trainee bei Underwood Samson landet er im Ranking erneut auf Platz eins. Auch im „Business-Judo“ wird er schnell Profi. Der Grund: Er ist Pakistani. Weil er aus einer alteingesessenen Familie in Lahore stammt, deren gegenwärtige finanzielle Verhältnisse längst nicht mehr ihrem einstigen Stand entsprechen, ist er „hungrig“. Ein „Hai“, wie der Firmenchef ihm anerkennend bescheinigt. Deshalb ist er in New York auf der Gewinner-Seite. Hier kann er leicht mit der unternehmenseigenen Kreditkarte für die Drinks am Abend in einer Stunde mehr ausgeben, als sein Vater am Tag verdient.

Von der Gewinner- auf die Verliererseite

Das einzige, was Changez nicht gewinnen kann, ist die Liebe Ericas, die er mit zurückhaltender Höflichkeit umschwärmt. Reich, attraktiv, sensibel, führt sie ihn in die High Society New Yorks ein. Einer Schicht, aus der seine eigene Familie in Pakistan herausgefallen ist. Aber bei der Werbung um Erica hat er einen Konkurrenten, gegen den er nicht gewinnen kann. Nach wie vor kann sie sich nicht von ihrem verstorbenen Ex-Freund Chris lösen. Er verliert Erica schließlich, ohne sie je besessen zu haben. Denn sie verschwindet spurlos, nachdem sie sich vor der Welt in ein Krankenhaus zurückgezogen hat.
Aber auch beruflich genügt ein schicksalsschweres Ereignis, um ihn von der Gewinner- auf die Verlierer-Seite zu katapultieren. Der Grund: Er ist Pakistani. Nach dem Anschlag am 11. September auf das World Trade Center gehört er zu den potenziellen Angreifern.
Zunächst ist er nur verärgert, als er angepöbelt und als „Scheiß-Araber“ beschimpft wird. Erst die Bemerkung des Leiters eines von ihm zu bewertenden Verlagshauses löst bei ihm eine Identitätskrise aus. Der Verleger vergleicht ihn mit den Janitscharen. Von den Ottomanen gefangen genommen, wurden die christlichen Janitscharen zu Soldaten der muslimischen Armee ausgebildet. Für diese kämpften sie im Anschluss loyal, bis sie ihre eigene Zivilisation ausgelöscht hatten.
Der ihm vorgehaltene Spiegel veranlasst den jungen Business-Mann, seinen Job zu canceln, nach Pakistan zurückzukehren, um dort als Lektor an der Universität für eine stärkere Loslösung seines Landes von den USA zu werben. Zu Hause muss er sich erst langsam wieder aus der in den USA angelernten Rolle lösen, die ihm seine Heimat als minderwertiges, rückständiges Land erscheinen lässt. Erst nachdem er sich von dem entfremdeten Selbstbild befreit hat, wird ihm klar: Schon vor viertausend Jahren entwarfen die Menschen vom Indus-Becken Städte, die bereits über unterirdische Abwassersysteme verfügten. Zur gleichen Zeit waren die Vorfahren der Amerikaner, die in das gelobte Land einfielen, um es zu kolonisieren, noch Barbaren gewesen, die nicht einmal lesen und schreiben konnten.

“Schizophrenie“ der doppelten Identität

Das alles erzählt der nach Hause Zurückgekommene dem unbekannten Amerikaner in einem einzigen langen Monolog in einem Café auf einem Platz in Alt-Anarkali, der Altstadt von Lahore. Er scheint sich bedroht zu fühlen, der amerikanische Tourist. Nicht nur von der Erzählung, sondern auch von der Umgebung. Von der Atmosphäre in dem Café, deren würdige Gastwirte es nie in Erwägung ziehen würden, ein westliches Gericht auf die Speisekarte zu setzen. Umgeben von Kebab vom Lamm, Tikka vom Huhn, dem gedämpften Fuß der Ziege, dem scharf gewürzten Hirn des Schafs. „Köstlichkeiten, durchtränkt von einem Hauch Luxus und wollüstiger Hingabe“, die dem Westen fremd sind. Eine Fremdheit, die der Westen als Bedrohung empfindet. Ein Konflikt mit offenem Ende. Denn unklar ist, was sich zwischen Zuhörer und Erzähler während der Erzählung abspielt. Besonders, nachdem der Einheimische den Fremden zum Hotel begleitet hat.

Seltsam in der Schwebe bleibt auch die Stimmung der gesamten Erzählung. Die Perspektive oszilliert zwischen dem gleichzeitig westlichen und östlichen Blick des Erzählers. Die „Schizophrenie“ der doppelten Identität hat Autor Mohsin Hamid in eine statische Erzählsituation eingearbeitet. Sein Roman ist das interessante literarische Porträt eines „Fundamentalisten, der keiner sein wollte“. Nicht zuletzt, weil der pakistanische Jurist, der nach seinem Princeton- und Harvard-Studium in New York arbeitete, dabei aus seinen eigenen reichen Erfahrungen schöpfen konnte.

Michaela Schmitz


Mohsin Hamid: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Hoffman und Campe 2007. 192 Seiten, 17,95 Euro.

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