James Hamilton-Paterson: Einarmsegeln mit Millie
14.06.2007
Hokuspokus-Jokus James Hamilton-Paterson ist komisch geworden
Mit autobiographisch unterfütterten Essais als Sachbücher über das Meer in allen seinen Facetten hat sich der 1941 geborene englische Schriftsteller James Hamilton-Paterson Weltruhm erschrieben. Nun ist der zweite Roman über das Leben und die Ansichten des Ghostwriters Gerald Samper erschienen. Dessen Titel so bizarr ist wie das ganze Buch: “Einarmsegeln mit Millie”.
Vor genau zehn Jahren behauptete Hannes Hintermeier in dem längst eingegangenen Tabloid-Produkt “ Die Woche” von James Hamilton-Paterson: “Selbst Freunde nennen ihn schon mal 'giftige Kröte'“. Das ist erstaunlich, weil der exzentrisch-einzelgängerische britische Autor, dem wir einige der eigenwillig-gelungensten Bücher verdanken, damals noch nicht den schwulen Ghostwriter Gerald Samper erfunden hatte, den er erst “Kochen mit Fernet Branca” und jetzt “Einarmsegeln mit Millie” lässt.
So heißen die zwei (nicht nur durch ihre Titel) bizarren Romane, die er jüngst seinen grandiosen maritimen Glanzstücken (“Wasserspiele”, “Seestücke” & “Drei Meilen tief”) nachfolgen ließ, nachdem der Rumtreiber auf & in den Meeren der Welt, deren Hymnus er wie kein zweiter Zeitgenosse in “Sachbüchern” gesungen hat, die zugleich Autobiografie, Erfahrungsbericht und Essais im Sinne Montaignes gewesen sind, in Italien sesshaft geworden war, weil ihn der japanische Freizeittourismus aus einer philippinischen Insel vertrieben hatte, deren paradiesische Schönheit er schon als Junge ahnungsvoll & unwissend sich erträumt hatte.
An die 20 Sachbücher und Romane soll das 1941 geborene Mitglied der “Royal Geographical Society” mittlerweile geschrieben haben - als “writer´s writer”, was heißt: von der Kritik hoch gelobt, der Kollegenschaft als Stilist sehr bewundert - und vom “common reader” kaum wahrgenommen. Das soll sich, heißt es, mit seinen beiden jüngsten Romanen aber geändert haben. Um des materiellen Wohlergehens willen kann man es dem Autor, dem man den literarischen Genus so vieler grandioser “Meerstücke” verdankt, nur aufs Innigste wünschen. Er möge, statt immer nur im Wasser, endlich auch einmal im Geld schwimmen. Aber wird, wer von der solitären ästhetischen, erzählerischen und geistigen Eigenart seiner früheren Essays und erzählenden Berichte bewundernd hingerissen und emotional berührt war (weil der Autor literarisch eine Welt erschuf, die es weder vor ihm gab, noch dass man auch nur eine Ahnung von ihr gehabt hätte): - wird man auch an diesen aphoristisch-brillant bestückten romanesken Feuerwerkereien eines bärbeißigen Sottisseurs eine vergleichbare Freude haben? Glücklicherweise, sage ich, habe ich sein “Kochen mit Fernet Branca” versäumt. Oder vielleicht auch: leider. Denn dann hätte ich gewusst, was einen bei seinem “Einarmsegeln mit Millie” erwartet - nämlich das, was man in Deutschland (und womöglich auch in England ?) unter “britischem“ Humor versteht -, und dann wäre ich “gewarnt“ gewesen. Nun ist die Literatur der Insel gewiss mehr als alle Literaturen des “Kontinents”, schon gar die der Deutschen, von Humor in allen Formen durchsetzt. Aber wer sein Vergnügen an der humoristischen Literatur von Smollett & Sterne bis zu Oscar Wilde & Chesterton, meinetwegen auch noch P. G. Woodhouse oder Martin Amis (heute) hat, dem könnte die “britische” Humoristik des einst bewunderten Hamilton-Paterson doch ganz schön auf den Nerv gehen. Sie ist pointengeil, arrogant und auf eine deprimierende Art inflationär kabarettistisch.
Er schickt den eitlen, aber auch allseits kulturell & wissenschaftlich “gebildeten” Ghostwriter für Sportskanonen, Gerald Samper, ins Roman-Feld, um alles & jedes, was seinem Autor sowohl & vornehmlich an der internationalen Medien- & Prominenten-Gesellschaft, als auch an persönlichen Marotten & zeittypischen Verhaltensweisen und britischen Eigenarten lächerlich, grotesk, absurd und ekelhaft erscheint, unablässig durch den Kakao seiner pfadfinderhart allzeit bereiten satirischen Ironie zu ziehen.
Der von jeher “unzeitgemäße”, aus der europäischen“ Gegenwart ”gefallene” Hamilton-Paterson hat allen Grund & auch den Blick dafür, unsere “konsumistische” (Pasolini) Gegenwart in toto zu verwerfen. Täte er es doch nur, statt alles bloß zu bewitzeln und dabei keinen Kalauer, weder Priapismus noch Kackerei, also schlichtweg alles, was wohlfeil zu wieherndem Lachen animiert, auszulassen. Offenbar ist das Buch ein “Sequel”, das ein literarisches Erfolgsrezept, mit dem er in “Kochen mit Fernet Branca” als Allround-Comedian reüssierte, noch einmal nachkocht - z.B. auch mit eingestreuten abstrusen Kochrezepten wie “Trauerrogen”, “Aal Flottante” oder “Dachsfilet Wellington”, die sowohl witzig & parodistisch als auch geeignet sein sollen, dem Leser allein bei der Lektüre den Magen umzudrehen.
Bei der Lektüre dieser Rezepte nicht nur. Das Buch hat einen erzählerischen Grundfehler, der seinen Witz schal macht. Um die Dummheit, Arroganz und Eitelkeit der modernen Jet-Set-Welt der Sportler, Musiker und des Literaturbetriebs zu geißeln, erfand sich der Autor den Ghostwriter mit dem (nicht einzigen) “sprechenden” Namen Samper, der in & mit Hamilton-Patersons Geist & Wissen (von Ozeanographie bis zu Medizin, von Saudischen Sprichwörtern bis musikalischen Subtilitäten, von der Kulinaristik bis zur Etymologie und Philologie etc.) alles weiß, vor allem: alles besser weiß, als die von ihm damit bis zur Lächerlichkeit parodierten, satirisierten und verhöhnten Karikaturen. Da aber auch er, der immer wieder auch in der Dritten Person von sich spricht, zum komischen und verächtlichen Personal des Buchs gehört, thront über allen der alle Strippen ziehende Autor, der alles am besten weiß und der den ganzen Hokuspokus-Jokus inszeniert hat, um als eitler uomo universale vor uns zu erscheinen, der “auf hohem intellektuellen Niveau”, das er uns immer wieder genießerisch vorführt, möglichst viele witzige Sottisen loszuwerden.
Wer an Formulierungen wie “furzenden Teddybären”, “Genitaldekorationen der Welt” oder an der komischen Idee einer nackt aufgeführten “Matthäus-Passion” einen Gefallen findet oder sich darüber mopst, wenn ein Formel-1-Rennfahrer als “ein über Leichen fahrendes kleines Stück Scheiße mit dem Gehirn eines Ohrenkneifers” charakterisiert wird, kommt in “Einarmsegeln mit Millie” vielfach auf seine Kosten. Wer, wie der Rezensent, von James Hamilton-Paterson anderes gewohnt war & erwartet hatte, geht ziemlich leer aus. Lieber lasse ich mich noch einmal mit Hamilton-Paterson “Drei Meilen tief” in den Atlantik hinab, als “Einarmsegeln mit Millie“ mir von Gerald Samper erzählen zu lassen.
Wolfram Schütte
James Hamilton-Paterson: Einarmsegeln mit Millie. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring. Klett-Cotta. Stuttgart. 2007. 366 Seiten. 22.50 ¤
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