Arnold Stadler: Komm, gehen wir
17.06.2007
Ein Schluck Wasser und seine Folgen
Mit nun 53 Jahren hat Arnold Stadler sein absolutes Meisterwerk vorgelegt, zu dem man ihm nur aufrichtig gratulieren kann.
Ein deutsches Studentenpärchen liegt am Strand von Capri. Roland und Rosemarie wollen heiraten, betrachten den gemeinsamen Urlaub als eine Art vorgezogene Hochzeitsreise. Diese frühe Sehnsucht nach einer festen Bindung klingt für das Handlungsjahr 1978 durchaus unkonventionell, doch wir haben es auch nicht mit einer (wie vom Verlag im Untertitel annonciert) gewöhnlichen „Liebesgeschichte“ zu tun.
Arnold Stadler, Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1999, verfolgt seine Figuren in assoziativer Erzählweise über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Sehnsüchte, Träume, Zufälle, unausgelebte Fantasien, kurze Momente des schwerelosen Glücks, die Muße zum Genuss und die Leichtigkeit der Jugend setzt er erzählerisch – alternierend auf verschiedenen Zeitebenen – mit großem Elan in Szene. Er schafft Sequenzen mit betörender Atmosphäre. So entstehen vor den Augen des Lesers Bilder, die an die besten Pasolini-Filme erinnern.
Ein junger Italo-Amerikaner setzt die Handlung in Gang. Jim de Marinello taucht am Strand auf, fragt das Pärchen nach einem Schluck Wasser und lässt sich dann bei ihnen nieder. Der junge Bursche wird von einer Aura des Schönen umgeben, und abrupt entwickelt sich eine knisternde, erotische Hochspannung. Sowohl Roland als auch Rosemarie fühlen sich von Jim gefesselt. Ein unausgesprochenes, gegenseitiges Begehren flirrt durch die Hitze von Capri, die Sprachbarriere wird durch nonverbale Kommunikation überbrückt. Der Satz „Komm, gehen wir“ scheint gedanklich den Imperativ und den Konjunktiv zu vereinen. Es entsteht eine kurze, aber intensive Ménage à trois, wie wir sie in ähnlicher Form bei Stadler schon in seinem Roman Ein hinreißender Schrotthändler (1999) erlebt haben.
„Das ist so eine Person, die eines Tages an der Haustür steht und das Leben durcheinander bringt, das dann für Leute, die das gar nicht wollen, alles über den Haufen wirft“, heißt es über Jim, der vorgibt, in Italien seine biografischen Wurzeln aufspüren zu wollen.
Arnold Stadler erzählt nicht nur diese spannende Dreiecksgeschichte, sondern wirft überdies einen erzählerischen Blick auf die soziale Herkunft seiner drei Protagonisten. Und da spielt selbstverständlich auch wieder die oberschwäbische Provinz, aus der Stadler selbst stammt, eine wichtige Rolle. Die Figur des Philosophiestudenten Roland weist unübersehbare Parallelen zu Stadlers Vita auf. Am Ende ist auch Roland Schriftsteller geworden, hat mit der einstigen Medizinstudentin Rosemarie ein Kind und schwelgt in Erinnerungen – sowohl als Individuum als auch als Autor.
„Die Erinnerung ist ein Schnee von gestern und das Kapital von Schriftstellern und Verliebten, die ihre große Zeit hinter sich haben.“ Rolands Leben läuft in geregelten Bahnen, er schätzt teure Zigarren, Designerschuhe und allerlei Statussymbole. Er reist nach Miami und überreicht Jim seinen ersten Roman. Das Lebensfeuer brennt bei ihm nur noch auf kleiner Flamme; die Leidenschaft hat Roland literarisch konserviert. „Jugend ist Trunkenheit ohne Wein“, schrieb Goethe einst im Westöstlichen Divan. Diesen Rausch der Sinne, die leicht diabolisch anmutende Achterbahnfahrt der Emotionen hat Arnold Stadler eindrucksvoll festgehalten. En passant liefert der Roman auch noch kluge essayistische Betrachtungen über die Rolle des Schriftstellers im Gemenge von Fiktion und Erinnerungen. Mit nun 53 Jahren hat Arnold Stadler sein absolutes Meisterwerk vorgelegt, zu dem man ihm nur aufrichtig gratulieren kann.
Peter Mohr
Arnold Stadler: Komm, gehen wir. Roman. S. Fischer Verlag 2007. 396 Seiten. 18,90 Euro.