Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen
Freitag, 25. Mai 2012 | 18:37

 

Harriet Köhler: Ostersonntag

24.06.2007


Erbarmungsloses Familienquartett

Harriet Köhlers sezierender Blick hinter die Fassade einer so genannten gut bürgerlichen Familie ist nie bösartig oder verletzend. Sie beschreibt – und das mit großem Furor – den alltäglichen Wahnsinn, der gleich hinter der nächsten Ecke lauern kann.

 

„Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, schrieb Leo Tolstoi einst in Anna Karenina. Die 30-jährige Harriet Köhler widmet sich in ihrem Romanerstling vier zutiefst unglücklichen Figuren, deren Familienband an einem seidenen Faden hängt.
Am Ostersonntag wollen sich die Zeitungskolumnistin Linda und ihr jüngerer Bruder Ferdinand bei ihren Eltern einfinden – zum beinahe rituellen Osteressen. Es brodelt an allen Ecken und Kanten, und wie ein gespenstischer Schleier hüllt der Tod des ältesten Kindes die gesamte Familie ein.
Harriet Köhler erzählt mit unbarmherziger Schärfe, und sie bedient sich dabei eines geschickten Kunstgriffs. Sie schickt die vier Familienmitglieder durch selbst zerfleischende Monologe. Aber damit noch nicht genug der Seelenqualen: Das Quartett wird einzeln wie vor einen Spiegel gezerrt und ein imaginäres Gegenüber taucht wie ein verstärkendes Echo auf.

Der alltägliche Wahnsinn

Vater Heiner war ein renommierter Insektenforscher, leidet nun an Alzheimer, versteckt sich hinter den Buchstaben der Zeitung, die er nicht mehr entschlüsseln kann und verdöst die meiste Zeit vor dem „Discovery Channel“. „Du hast Insekten studiert, ein Bienchen geheiratet, das dir Kinder geboren hat. Du hast sie aufwachsen sehen und fandest sie manchmal entzückend, aber meistens nur interessant.“
Seine Ehefrau Ulla, die sich vor ihrem eigenen Spiegelbild ekelt, schwitzt gleichermaßen viel in Fitnessstudios wie in Hotelbetten, wo sie mit erheblich jüngeren Männern ein kurzes Vergnügen sucht.
Auch die Kinder sind – um noch einmal Tolstoi zu zitieren – „auf ihre eigene Weise unglücklich“. Linda, die Kolumnistin, weiß oft nicht, was sie schreiben soll, freut sich aber umso mehr über den Zuspruch ihrer Kollegen, wenn ihr „schöne Formulierungen“ geglückt sind. Privat hat sie nie ihr Glück gefunden und taumelt als Mittdreißigerin regelmäßig durch die Nächte – berauscht von Rotwein und Kokain.

Ihr Bruder Ferdinand führt ein Dasein wie ein Liebesnomade. Mal schlägt er hier, mal dort für einige Tage seine Zelte auf; das Studium hat er, nach Ausflügen in die Germanistik, Musik, Mathematik und Philosophie, längst geschmissen. „Wie eine Gleichung voller Unbekannten“ kommt ihm sein Leben vor. Ferdinand setzt alles daran, das vermeintliche Familiengeheimnis zu lüften, nachdem ihm ein Abschiedsbrief der toten Schwester in die Hände gefallen ist. Die von den Eltern verbreitete Legende vom Unfalltod ist zerstört.
Die Familie als Hort des sozialen Austauschs, der vertrauensvollen Kommunikation und des gegenseitigen Respekts hat bei diesen vier Figuren nie funktioniert. Harriet Köhlers sezierender Blick hinter die Fassade einer so genannten gut bürgerlichen Familie ist nie bösartig oder verletzend. Sie beschreibt – und das mit großem Furor – den alltäglichen Wahnsinn, der gleich hinter der nächsten Ecke lauern kann. Ein gleichermaßen beeindruckendes wie beklemmendes Debüt.

Peter Mohr


Harriet Köhler: Ostersonntag. Roman. Kiepenheuer und Witsch 2007. 210 Seiten. 17,90 Euro.

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...