Sascha Lange: DJ Westradio
02.07.2007
Vom Versagen der Mauer
Bücher über das Aufwachsen in der DDR in den siebziger und achtziger Jahren haben spätestens seit Jana Hensels Zonenkinder Konjunktur. Die meisten Autoren thematisieren in ihren Erinnerungen die Unterschiede zwischen Ost und West, aus denen ein besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit und ein kritisches Verhältnis zur deutschen Einheit abgeleitet werden.
Nicht zuletzt des Untertitels „Meine glückliche DDR-Jugend“ wegen mag auf den ersten Blick auch DJ Westradio, das Debüt des 1971 in Leipzig geborenen Sascha Lange, in diese Richtung tendieren: Auch sein Buch steckt voller Kindheits- und Jugenderinnerungen; auch er nahm die „Wende“ und erst recht die Zeit danach als Bruch wahr. Doch schon bald wird deutlich, wie stark er und viele andere Jugendliche sich damals am Westen orientierten.
Eine besondere Funktion kam dabei der Musik, aber auch und vor allem der Warenwelt zu: „An dieser Stelle möchte ich darum im Namen aller Zonis all den Menschen aus Westdeutschland danken, daß Ihr uns all die Jahre so viele Sachen geschickt und mitgebracht habt. Ohne Euch hätten wir den Herbst 1989 bestimmt schon auf 1979 verlegt. So konnten wir uns zehn Jahre länger der Illusion hingeben, Euer Westen wäre unser Paradies. Danke dafür.“
Für Nachschub sorgten in Langes Fall u. a. die westdeutschen Messegäste – ein Leipziger Privileg. Den „ersten richtigen Kontakt mit der DDR“ habe Lange erst bei seiner Einschulung gehabt: „Ich wurde sozusagen in die DDR eingeschult.” Was folgt, sind Erinnerungen an Ferienlager, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, die Wendezeit und die Vereinigung samt dem damit verbundenen Verlust von Illusionen.
(N)ostalgisch ist das Buch dennoch nicht, zumal der Autor feststellen muss: „Wenn ich heute das Viertel meiner Kindheit und Jugend in einem Anfall sentimentaler Erinnerungen abfahre, gelingt der Nostalgietrip nur noch teilweise, denn die Zeit von damals wurde optisch nicht konserviert.“ Dies dürfte jedoch keine besonders originelle Erkenntnis sein, sondern auch für die meisten erwachsen gewordenen Westdeutschen gelten.
Im Gegensatz zu anderen Autorinnen und Autoren seines Alters beschwört Lange in DJ Westradio weder einen unreflektierten Gemeinschaftsgeist noch erhebt er sich zum angeblich paradigmatischen Sprecher einer ganzen Generation. Sein Buch ist kein verklärender, vielmehr ein mit Humor geschriebener und kurzweilig zu lesender Rückblick auf die DDR und das Leben in der Leipziger Südvorstadt. „Die Mauer, die uns vor den schädlichen Einflüssen des Westens beschützen sollte, hatte schon damals total versagt“, so Lange am Beispiel von „Modern Talking“. Folgerichtig heißt es am Ende des Buches: „[…] wenn ich heute darüber nachdenke, ob ich nun in West- oder Ostdeutschland groß geworden bin, so komme ich zu dem Schluß, daß ich vor allem in den 80ern aufgewachsen bin.”
Frank Thomas Grub
Sascha Lange: DJ Westradio. Meine glückliche DDR-Jugend. Aufbau-Verlag 2007. 202 Seiten. Gebunden. 16,90 ¤