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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:37

 

Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

15.07.2007

Ein Bastard aus hoher Literatur und Groschenroman?

Die in Deutschland nahezu sträflich missachtete amerikanisch-türkische Autorin Elif Shafak beweist mit ihrem neuen Roman Der Bastard von Istanbul, dass man von ihr in Zukunft noch einiges zu erwarten hat. Das Etikett des „weiblichen Orhan Pamuk“ wird jedoch weder ihr noch dem türkischen Nobelpreisträger gerecht. Dafür offenbart ihr durchaus gelungener neuer Roman noch zu viele Schwächen.

 

Eine junge türkische Autorin, geboren 1971, schreibt im Jahr 2006 einen Bestseller, der sich unter anderem mit dem höchst fragwürdigen Umgang des türkischen Staates mit seiner eigenen Geschichte – Stichwort: Vertreibung und Ermordung der armenischen Mitbürger – beschäftigt. Dies trägt ihr natürlich prompt eine Anklage wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ ein. Die absurde, aber leider nur allzu bekannte Anklage wird jedoch schon wenige Monate später aus Mangel an Beweisen fallen gelassen.

Alles klar: Ein weiblicher Orhan Pamuk also! Aber keine Angst, wie wohl jegliche halbwegs gute Literatur wehrt sich Elif Shafaks bereits sechster Roman Der Bastard von Istanbul beharrlich und letztlich erfolgreich gegen vorschnelle Kategorisierungen. In der Tat ist aber auch Shafaks literarisches Werk ein eminent Politisches. Doch im Gegensatz zum türkischen Nobelpreisträger hat die Autorin für sich persönlich andere Konsequenzen aus der diffusen politischen, sozialen und religiösen Befindlichkeit der Türkei zwischen Nationalismus, säkularen Militärs und einer prowestlichen, aber gleichzeitig stark muslimisch geprägten Regierung gezogen: Seit 2002 lebt und lehrt Elif Shafak in den Vereinigten Staaten. Ihren neuen Roman, „Der Bastard von Istanbul“, hat sie in englischer Sprache verfasst. Ihr Blick auf die Türkei ist der einer Außenstehenden – distanziert und mitfühlend, sentimental und kritisch zugleich. Fraglich bleibt, ob sie denn überhaupt je einen anderen Zugang zu ihrer Heimat gehabt haben mag: Geboren in Straßburg verbrachte sie ihre Kindheit in Spanien und zog erst zum Studium zurück in die Türkei.

Auf der Suche nach einer nationalen Identität

Eine ähnlich weit verzweigte Lebens- und Herkunftsgeschichte hat auch die Heldin des Romans, Armanoush bzw. Amy, aufzuweisen. Sie ist eine junge Amerikanerin armenischer Abstammung, ihre „Seele“ befindet sich „im Exil“. Zu allem Überfluss hat ihre amerikanische Mutter, natürlich vor allem um ihrem armenischen Ex-Mann eines auszuwischen, einen Türken geheiratet. In diesem melting pot aus orientalischen und okzidentalen Einflüssen ist Armanoushs nationale Identität verloren gegangen. Um diese wieder zu finden, begibt sie sich auf eine Reise zu ihren Wurzeln, zu jenem mythisch aufgeladenen Istanbul ihrer Großmutter – einst geistig offener Hort verschiedenster Kulturen, dann Stätte des Grauens, des Massenmordes an unzähligen armenischen Türken. Armanoush löst sich also aus der geistigen Umklammerung ihrer amerikanischen Heimat und reist ohne Wissen ihrer Eltern zu der Familie ihres Stiefvaters nach Istanbul.

Es kommt, wie es kommen muss: Der clash of civilizations findet nicht statt. Ihre türkische Gastfamilie, die Kazancıs, besteht – scheinbar aus Gründen eines rätselhaften Fluches, der auf den männlichen Familienmitgliedern lastet – ausschließlich aus Frauen. Diese jedoch repräsentieren verschiedenste Lebensentwürfe von der strengen, aber im Kern zutiefst heidnischen Muslimin über die national gesinnte Lehrerin bis hin zur vollkommen agnostischen Besitzerin eines Tätowierstudios. Freundschaft wird Armanoush mit der gleichaltrigen Tochter der Familie, der intellektuellen Nihilistin Asya schließen: Auch wenn es etwas dauert, bis sich die gefühlige Romansleserin Armanoush mit der zynischen Existentialistin Aysa zusammenrauft. Spannend wird das Ganze durch das auf geheimnisvolle Weise verbundene Schicksal beider Familien und das nicht minder dunkle Rätsel um den scheinbar unbekannten Vater Asyas.

Ein diskursiv aufgeladener Groschenroman?

„Das klingt ja nach einem billigen Groschenroman!“, werden an dieser Stelle kritische Gemüter empört einwerfen. Und so Unrecht haben sie mit dieser Behauptung auch gar nicht. Shafaks Roman folgt den Gesetzen der Unterhaltungsliteratur. Das zentrale Motiv der Heimatlosigkeit, das beide jugendliche Hauptfiguren umtreibt, wird durch die klassischen Zutaten des Kriminalromans aufgepeppt. Unglaublich aber wahr: Das gute alte Whodunnit ist tatsächlich das Leitprinzip des Romans. Dies führt auf der einen Seite zu einem bei dieser Thematik unerwartet spannenden und vergnüglichen Leseerlebnis, nimmt jedoch der eminent politischen Dimension der Geschichte ordentlich den Wind aus den Segeln.

Dabei hätte Shafak dies durchaus nicht nötig gehabt. Auch so ist Der Bastard von Istanbul nichts weniger als ein dröger Thesenroman. Die Autorin ist gesegnet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und erschafft am laufenden Band herrlich skurrile und zugleich höchst liebenswerte Figuren. Allein das Personal des wunderbar abgestumpften Istanbuler Intellektuellencafés „Kundera“ – beispielsweise der nicht nationalistisch gesinnte Drehbuchautor nationalistischer Serien – hätte für einen weiteren Roman gereicht. Shafak führt ihre Figuren nicht vor; sie demontiert sie nicht, sondern nimmt sich Zeit, ihre Eigenheiten liebevoll zu entwickeln und führt uns so fast nebenbei in eine oftmals fremd wirkende, aber eigentlich doch so nahe Welt ein, die sich im Kern nicht um nationale, sondern um zutiefst menschliche Fragen dreht.

Eine neue, junge Stimme der Weltliteratur

Es ist daher umso ärgerlicher, dass sie uns am Schluss des Romans nicht nur feinsäuberlich die Lösung sämtlicher Rätsel präsentiert – und ihrem Werk so den Rest an geheimnisvoller Faszination nimmt –, sondern auch den beeindruckenden Portraits ihrer jugendlichen Protagonisten mit einer unmotiviert eingeschobenen essayistischen Reflexion über das Verhältnis von Vergangenheit und Herkunft zum individuellen gegenwärtigen Lebensentwurf von Armanoush und Asya erheblichen Schaden zufügt. Beispiel gefällig? „Familiengeschichten vermischen sich in einer Weise, daß etwas, was Generationen zuvor passiert ist, in scheinbar belanglosen Entwicklungen der Gegenwart wieder auftaucht. Die Vergangenheit ist alles andere als vergangen.“ Das muss doch eigentlich wirklich nicht sein!

So ist Der Bastard von Istanbul ein streckenweise beigeisternder, vergnüglicher, aber leider nicht vollends überzeugender Roman einer der hoffnungsvollsten jungen Stimmen der Weltliteratur. Es lohnt sich trotz einiger Abstriche durchaus jetzt schon diese Stimme auch in Deutschland zu entdecken.

Sebastian Karnatz


Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul. aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller. Eichborn Verlag 2007. 464 Seiten. 22.90 Euro.

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