Bevor wir anfangen: Mr Mee heißt der im folgenden rezensierte Roman im Original - und unter diesem Namen wird von ihm gesprochen werden. Was sich Übersetzer und Verlag beim, man kann es jetzt schon sagen, behämmertsten deutschen Titel des Jahres gedacht haben, soll nicht weiter hinterfragt werden. Das Buch birgt Rätsel genug.
Von Andrew Crumey, Literaturredakteur des Edinburgher Scotsman mit Doktorat in theoretischer Physik, darf man das erwarten. Seine bislang vier Romane sind allesamt Beispiele postmoderner Bedeutungsverwirrung, literarische Apfelmännchen, von deren Rändern zuweilen der Autor selbst nicht mehr zurückzukehren scheint. So geschehen etwa in Die Geliebte des Kartographen (1997), seinem ersten auf deutsch erschienenen Text, dessen feinstgeklöppelte Verstrickung in Meta-Fiktionalitäten vor allem eines bewies: Blasses bleibt blass, auch wenn man es unendlich spiegelt.
Literarische ApfelmännchenDenn mit Figuren und Geschichten hat der Chaostheoretiker Crumey seine Probleme. "Zerebral" nennt man diese Art Flachheit im Englischen, die einem beim Lesen mitunter das Gefühl gibt, Schachpartien nachzustellen. Auch Mr Mee ist nicht ganz frei davon. Doch wiegt allein das kunstvolle Vexierspiel der Erzählungen diesmal alle Schwächen auf. Drei Handlungsstränge werden ineinander verdrillt, drei Fiktionen, die die jeweils anderen mit jeweils neuen unterfüttern, bis man am Ende zumindest weiß, was der deutsche Titel soll: Jean-Jacques Rousseau, der Großphilosoph und -literat der französischen Aufklärung, ist in der Tat der Schnittpunkt der mäandernden Zeichenflüsse, ja er hat sogar ein paar Figuren zum Roman geliefert.
Zunächst jedoch zu jenem Titelhelden, der keiner ist. Mr Mee, 86, hat sein Leben lang Bücher statt Erfahrungen gesammelt. Infolge einer Reifenpanne - Autofahren ist seine bei weitem weltlichste Betätigung - erfährt er in einem Antiquariat von "Rosiers Enzyklopädie", einer verschollenen Schrift des 18. Jahrhunderts, die der vernunftgeleiteten Weltauffassung der Enzyklopädisten ein alternatives, auf dem Zufall basierendes Universum entgegenstellt. Mee, der von diesem Inhalt nichts weiß, macht sich auf die Suche - und zwar ausschließlich mithilfe eines Computers, den ihm seine erratische Haushälterin aufgeschwatzt hat.
Bald jedoch erscheinen Internet-Seiten auf dem Bildschirm, durch die der noch immer unaufgeklärte Mee zwar entdeckt, dass Frauen Schambehaarung haben, zugleich aber seine indignierte Zugehfrau verliert. Beim folgenden Versuch der Selbstversorgung lernt er Catriona kennen, eine "Studentin der Lebenswissenschaften", die seine Betreuung gegen Entgelt übernimmt - einschließlich der erstmaligen Triebabfuhr.
Mit ihrer Unterstützung gelangt Mees Netz-Recherche zu Ferrand und Minard, zwei denkbar unbedeutenden Figuren aus dem zehnten bzw. elften Buch von Rousseaus Bekenntnissen: "Der eine war lang, gutmütig, kriecherisch, (...) der andere klein, untersetzt, spöttisch und streitsüchtig". Diesen literarischen Phantomen, von denen nicht einmal geklärt ist, ob es sich nur um Wahngebilde Rousseaus handelte, verleiht Crumey eine Biographie. Als eine Art Stan und Olli der Spätaufklärung stolpern sie durch die zweite Nebenhandlung, auf der Flucht vor - eingebildeten? - Häschern, die sich "Rosiers Enzyklopädie" bemächtigen wollen. Die wurde dem Kopisten Ferrand unter konspirativen Umständen übergeben, damit er sie abschreibe. Schließlich landen sie in Montmorency, wo Rousseau gerade Die Neue Heloise beendet hat. Der Denker ist nicht amüsiert, die Leserin dagegen sehr.
Ein gewisser Dr. Petrie endlich, der über Rousseau im Allgemeinen und Ferrand und Minard im Besonderen promoviert hat, leistet die historische Erläuterung dieser Geschehnisse. Als Protagonist des dritten Plots ist er die flachste Figur, seine Geschichte - verheirateter Dozent verliebt sich in Studentin - so banal, dass sie bald hinter der Funktion des literaturwissenschaftlichen Kommentars verschwindet. Der Roman, an dem er angeblich schreibt, hat nur eine Aufgabe: Er führt uns vor, wie raffiniert das Buch ist, in dem er vorkommt - Mr Mee.
Raffiniertes Zeichensystem
Doch Funktionen sind sie letztlich alle, die darin auftreten, Funktionen eines nahezu geschlossenen Zeichensystems, das sich bei anderen Systemen, von der Literaturgeschichte bis zur Quantentheorie, bedient. Auch Mr Mee, die scheinbar originellste Figur, entkommt dem nicht. Sein Harndrang etwa, seine tabula rasa-Naivität, sein Ins-Heim-gegeben-werden von den Eltern sind dezidiert Rousseausche Topoi.
So verschlingen sich - im doppelten Wortsinn - die Zeichen, bis der Roman an sein physisches Ende kommt. Die Geschichte jedoch spinnt sich weiter. Man kann von vorne lesen. Mit Gewinn.
Mathias Tretter
Andrew Crumey: Rousseau und die geilen Pelztierchen. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Köln: Du Mont 2003. 22,90 Euro. ISBN 3-8321-7802-3