Susanne Heinrich: Die Andere
23.07.2007
Kitschige „Stella“-Adaption
Vor der übergroßen Folie der glitzernden Metropole Paris schickt Susanne Heinrich ihre beiden grundverschiedenen Protagonistinnen auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen.
Susanne Heinrich war gerade 20 Jahre alt, als sie 2005 mit ihren Erzählungen In den Farben der Nacht debütierte und beim renommierten Klagenfurter Lesemarathon um den Bachmannpreis antrat. Die Texte dieses Bandes pendelten auf pathetische Weise zwischen Lust und Frust, zwischen Sexgier und Beziehungsenttäuschungen.
Nach ähnlichem Strickmuster hat die gebürtige Leipzigerin nun ihren ersten Roman konzipiert, in dessen Mittelpunkt zwei Freundinnen stehen, die sich zufällig in Paris wiedertreffen.
Vor der übergroßen Folie der glitzernden Metropole schickt Susanne Heinrich ihre beiden grundverschiedenen Protagonistinnen auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Marion und Luna stammen aus Hamburg und haben dort vor sechs Jahren gemeinsam Goethes Stella inszeniert. Während die Ich-Erzählerin Marion als freie Übersetzerin den Part des Kopfmenschen einnimmt, verkörpert die divenhafte Schauspielerin Luna den Gegenpol als emotionale „Bauch-Figur“, die von einer „Aura der Lebensunfähigkeit“ eingehüllt wird. Das pulsierende Paris wurde gegen die hanseatische Kühle eingetauscht und ist für beide Figuren auch ein Fluchtpunkt. Luna hat Mann und Kind verlassen, Marion gerade die Trennung von ihrem langjährigen, wenig aufregenden Partner hinter sich.
Den vermeintlichen Neuanfang in der französischen Hauptstadt hat Autorin Susanne Heinrich nach allen Regeln des Kitschhandwerks arrangiert. Die launische Luna verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Millionär Viktor und lebt an dessen Seite all ihre Launen aus. Die stets ratio-gesteuerte Marion fühlt sich ins Abseits gerückt und beginnt – nur um in Lunas Nähe zu bleiben – eine Liebelei mit einem Handlanger des Millionärs. Die daraus resultierenden Überkreuzverbindungen, die in einem dramatischen Showdown auf einem Schloss in der Provence münden, sind effektvoll in Szene gesetzt. Auf der Strecke bleibt allerdings die Psychologie der Figuren. Plausible Gründe für Marions Abhängigkeitsverhältnis zu Luna erschließen sich nicht. Vielleicht hat Susanne Heinrich allzu sehr auf die „Stella“-Karte und das Motiv der Hassliebe gesetzt: „Ich hasse dich! ... Liebster! Liebster!“, ließ Goethe seine Baronesse im Zustand höchster emotionaler Erregung fluchen.
Peter Mohr
Susanne Heinrich: Die Andere. Roman. Dumont Verlag 2007. 278 Seiten. 17,90 Euro.