Nicolas Fargues: Nicht so schlimm
23.07.2007
Romanze in Italien
Der moderne Mensch, Version 2007, und seine Liebesgeschichten: auf den engsten egozentrischen Kreis gestrickt, der sich stricken lässt.
Nicht so schlimm ist es wirklich, dass Fargues, auf Madagaskar residenter Exil-Franzose hier einen Roman nachlegt auf seinen schon beachtlichen kleinen Publikationsstapel. Nicht so schlimm ebenfalls, dass aus dem Titel des Originals – J’étais derrière toi-Ich war hinter dir – eine Kopfzeile wird, mit der man auch ein Kinderbuch betiteln könnte, das die Kleinen über ein angestoßenes Knie trösten soll. Eine sexuelle Spannung vermittelt die Geschichte auch, ohne dass diese im Titel denotiert wird.
So kommt also alles wieder zum alten: man kann auch mal einen ganzen Roman nur und auch wirklich nur über die Liebe schreiben, ohne dabei auf heiklen sozialen Minenfeldern spazieren fahren zu müssen. Einfach nur drei Menschen in ein Dreieck gepackt und dann als Gewürz alles über ihnen ausgeschüttet, das sich aus der Gefühlswelt als Plotrequisite anwerben lässt, und fertig: man würde nicht meinen, dass Geschlechterdifferenzen jemals ein Thema waren im westlichen Wertediskurs. Liebe! Und Sex! Würde man jetzt noch eine Einrichtungsproblematik hinzufügen und einen Exkurs an den kochend heißen Herd, man hätte die gesamte neu-spießbürgerliche Weltordnung, die sich mit jeder Koch- und Einrichtungssendung ein Stück mehr Raum verschafft, in all ihrer Pracht. Zehn, vielleicht zwanzig Seiten in den Roman schaffen das Bewusstsein, dass diese Geschichte wirklich nur genau jetzt spielen kann, in einem zeitlichen Kontext, der ohne jedes Datum markiert wird. Der Roman ist so – 2007. Fargues belässt es gnädigerweise bei den Koordinaten Liebe und Sex und spinnt Fäden zwischen ihnen wie irgendeine sehr schnelle Spinne, im Zeitraffer. Ein Erzähler, männlich, auf Madagaskar, zwei Frauen, und ein langer, langer Monolog, der geschickt zwischen Unterwürfigkeit und Dominanz alle Probleme vermittelt, die ein Mann in seinen 30ern haben kann. Zuhause wartet die magnetische, dauergereizte Diva von einer Ehefrau, warten auch zwei Kinder, ein Geschäft, ein Beruf. Wer manipuliert hier wen? Außerhalb des Monologs steht keine Perspektive zur Verfügung, kein Blickwinkel, der dem Leser ein neutrales Urteil erlaubt – vielleicht strickt sich der Erzähler gegenüber seinem Zuhörer, auch gegenüber dem Leser, eine Rechtfertigung für den Seitensprung, den er bei einem Besuch in Italien mitnimmt? Bei der Einkehr in Romanze – diesen Namen will die deutsche Übersetzung für den Ort, und wenn sie auch auf keiner Karte Italiens auftaucht, aber freilich: eine Romanze in Romanze ist das Gegenstück zu Milch in der Schnitte, also genau am richtigen Ort – folgt eine heftige Begegnung mit einer Alice, Soziologiestudentin. Sind es eigentlich immer Soziologiestudentinnen, die sich gleich in der ersten Nacht überreden lassen, das Bett zu teilen? Der Kontrast steht schon bei der ersten Begegnung: zuhause die dominante, schwarze Gattin, der der Erzähler hörig auf jedem Schritt folgt und von der er dankbar auch Prügel annimmt – hier in Italien das ätherische Lichtwesen Alice, fragil gebaut und mit dem Bewegungsablauf einer Elfe durch dieses mediterrane Licht-Sonne-Himmelblau-Ensemble schwebend, wie auf Zehenspitzen. Hat er, der Erzähler, Angst, die ihn ganz natürlich in die Arme Alicens treibt? Man erlebt ihn als intensiven Hyperventilator, der vor Frau und Kindern flüchtet, schließlich auch ganz und gar – von Madagaskar nach Italien. Und, ja, man kauft sich mit Geduld in die getriebene Geschichte ein und kauft ihm seine Getriebenheit ab, etwas anderes hat er ja auch nicht anzubieten. Diese etwas dünne Auslage muss nicht unbedingt aufgefüllt werden, es geht ja eben um Liebe, bitte, sei es drum, um (Versagens-)Angst, um ein delikates Zwischeneinander, um die Belanglosigkeit oder Schwere, die Liebe haben kann. Man muss sich ja nicht gleich im Liebestaumel vergiften, erschießen, gegenseitig oder selbst, aber der ein oder andere Anker in einen sozialen Kontext, der größer ist als der Zirkel, in dem sich die eigene Liebe und Eifersucht breitet, wäre nett gewesen und hätte dem Roman geholfen. Der moderne Mensch, Version 2007, und seine Liebesgeschichten: auf den engsten egozentrischen Kreis gestrickt, der sich stricken lässt. Fargues bedient diese Stricknadeln ganz ausgezeichnet.
Daniel J. Gall
Nicolas Fargues: Nicht so schlimm. Deutsch von Frank Wegner. Rowohlt 2007. Gebunden.192 Seiten.16,90 Euro.
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