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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:40

 

Jonathan Lethem: Der kurze Schlaf

20.02.2004



Genuss mit Reue

Jonathan Lethems neuester Streich: Spannend wie Chandler, flacher als Adorno.



 

"Immerwährend betrügt der Koks seine Konsumenten um das, was er immerwährend verspricht." So stünde es dieser Tage vielleicht in der BILD-Zeitung, wenn sie sich denn Jonathan Lethem als Kolumnisten leisten wollte. Kein Zweifel, er würde mitspielen; für ein - und hier entfaltet das Adjektiv einmal seine ganze Bedeutung - symbolisches Honorar.
Denn über Kokain, Adorno und die philosophischen Brühwürfel des Boulevard würde Lethem ohnehin irgendwann stolpern. Wer wie er eine Welt durchstreift, die nur aus einer Fläche besteht, weil Oben und Unten längst liquidiert sind, rumpelt früher oder später in jeden möglichen Gegenstand. Einzige Begrenzung ist die Lebenszeit des Autors.

Sein neuester Roman Der kurze Schlaf kommt zumindest dem Koks schon nahe. Akzeptol, Forgettol, Avoidol heißen die Substanzen, die im Jahre 2000-something universal geschnupft werden; und deren stümperhafte Fantasienamen deuten bereits darauf hin, dass wir es mit einer ausgemacht geistfeindlichen Welt zu tun haben.
Am Schauplatz des Geschehens, Oakland, CA, liegt es nicht alleine. Der Mensch am Ende des 21. Jahrhunderts ist schlicht und einfach ein paar Schritte weiter in die Richtung gegangen, die der traurige Adorno (Ha!) ihm prophezeit hatte. Fragen beispielsweise, die fundamentalste Kulturtechnik überhaupt, ist in der fiesen neuen Welt tabuisiert. Fragen dürfen nur die sogenannten Inquisitoren, Agenten einer seltsam verschatteten Exekutive, wie sie sich im Zeitalter nach der Privatisierung aller Institutionen entwickeln mag. Man braucht sich heute nur das tätowierte Security-Personal in Bahnhofsunterführungen anzusehen, um nachzuvollziehen, was Lethem für morgen kommen sieht.
Darüberhinaus antizipiert er Erfindungen wie schwebende Schreibstifte, Filmmusik knödelnde Schusswaffen und die sogenannte Evolutionstherapie, die sowohl Tiere als auch Babys wie ausgewachsene Menschen agieren lässt: "Zusammen mit einem evolvierten Mutterschwein fuhr ich nach oben. Sie trug ein geblümtes Kleid und ein Käppchen, aber sie roch immer noch nach Stall. Sie lächelte mir zu, und ich lächelte gequält zurück, dann stieg sie im vierten Stock aus." Lustig, nicht wahr? Solange jedenfalls, bis man sich die unappetitliche Frage stellt, ob damit Sodomie, oder im Falle der Babys, Kindesmissbrauch erlaubt sind. Oder allgemeiner: Was ist, wenn alles verfügbar wird, ein Subjekt?

Der Privatdetektiv Conrad Metcalf, Lethems Protagonist, scheint eines zu sein. Zumindest sagt er 'Ich', wenn er uns von seinem letzten Fall erzählt; ein 'Ich' jedoch, das es mit Philipp Marlowe längst gegeben hat. Dito der Fall: Dieser Krimi ist tausende Male geschrieben worden (die Übersetzer haben sogar den leidlich originellen Originaltitel Gun With Occasional Music verchandlert) - nur das verbrecherische Känguruh ist neu.
Alles ist Form, allein das Setting bestimmt die Handlung. Stellen Sie sich einfach einen durchschnittlich verkommenen, aber moralstarken Schnüffler vor - Ex-Inquisitor, Ex-Romantiker, insolent, insolvent, das Übliche -, der in einem Science-Fiction von Philipp K. Dick, mit Drogen von Aldous Huxley oder William Gibson und einem Strafvollzug, wie er typischerweise viele zukünftelnde Hollywood-Produktionen beschäftigt, nämlich das Einfrieren von Delinquenten - stellen Sie sich also eine total verflickte Textwelt vor, in der der herbeizitierte Privatermittler einen Mord mit Sex und Politik im Hintergrund entschlüsselt. Das Personal dazu heißt (in alphabetischer Reihenfolge): Orton Angwine, Pansy Greenleaf, Danny Phoneblum, Celeste Stanhunt, Maynard Stanhunt, Dr. Testafer usw.; die Seitenzahl ist 336 und der Täter - kann hier trotzdem nicht verraten werden. Denn das whodunnit-Schema funktioniert auch weiterhin; der Leser will, bei aller Aufgeklärtheit, wissen, wer es war.

Jonathan Lethem ist in der Wiederholung des Immergleichen ein Buch gelungen, dessen Genuss über die Wiedersehensfreude mit Versatzstücken weit hinausgeht. Er spielt Genre-Lego auf einer Krimi-Plattform, die Steinchen sind bunt, die Gebäude bizarr - das alles kennt man und mag es vielleicht. Was Lethem auszeichnet, ist etwas anderes: Er ist flach, und zwar in der positivsten Bedeutung des Wortes. Die offenkundige Sinnfreiheit mancher Details, die Plattheit von Wortschöpfungen wie Akzeptol, Forgettol und Avoidol, seine fehlende Scheu dem Klischee gegenüber, kurz: Dinge, die einem jeden anderen Roman verleiden würden, machen in Der kurze Schlaf plötzlich Spaß.
Vielleicht liegt es daran, dass man Lethem den parodistischen Gestus nicht anmerkt. Er schreibt scheinbar ohne Distanz, auch wenn sich dies angesichts der Zitathaftigkeit seines Werks einigermaßen paradox ausnimmt. 'Pastiche' wurde dieses Phänomen vom postmodernen Marxisten Frederic Jameson genannt, die semantische Entwurzelung als gemeine Konsequenz des noch gemeineren Spätkapitalismus. Lethem wird es nicht kümmern. Adorno wäre über ihn gestolpert, und BILD-Leser würden ihn trotzdem nicht verstehen. Und uns gefällt er - vielleicht mit schlechtem Gewissen.


Mathias Tretter



Jonathan Lethem: Der kurze Schlaf.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Biggi Winter, überarbeitet von Michael Zöllner. Tropen Verlag 2003.
Gebunden. 336 Seiten. 19,80 Euro.
ISBN 3-932170-60-1.

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