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Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen

12.08.2007


Die tote Taube im Schlafzimmer

Der neue Roman des Georg-Büchner-Preisträgers Martin Mosebach vereint Großstadtroman, Elemente einer sozio-kulturellen Studie und die Startschwierigkeiten eines jungen Paares.

 

Es war schon eine kleine Überraschung, als im Mai verkündet wurde, dass der 56-jährige Martin Mosebach in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis erhält. Der Frankfurter gehört eher zu den Leisetretern im Literaturbetrieb und pflegt überdies einen leicht altbackenen, an seinem Vorbild Heimito von Doderer geschulten Erzählstil.

Was für Doderer seine Heimatstadt Wien ist, der er mit dem Roman Die Strudlhofstiege ein eindrucksvolles literarisches Denkmal gesetzt hat, ist Frankfurt für Mosebach - das wiederkehrende Zentrum im literarischen Werk. Eine Art Hassliebe scheint Mosebach mit seiner Heimatstadt zu verbinden. "Frankfurt ist eine scheußliche Stadt. .... Die Stadt bröselte hier regelrecht auseinander", heißt es im neuen Roman. Doch dem Lärm und dem Gestank stellt der Georg-Büchner-Preisträger auch die malerisch beschriebenen Lichtwechsel über dem nahen Taunus gegenüber.
Der Mond und das Mädchen vereint Großstadtroman, Elemente einer sozio-kulturellen Studie und die Startschwierigkeiten eines jungen Paares. Hans, der männliche Protagonist, hat nach Beendigung seines Studiums den ersten Job bei einer Bank gefunden und begibt sich auf Wohnungssuche in der Mainmetropole. Seine Ehefrau Ina, die - wie er - aus Hamburg stammt, befindet sich derweil mit ihrer schrulligen Mutter, die stets Frau von Klein genannt wird, am Golf von Neapel.

Ein Haus wie ein Kuriositätenkabinett

In einem Haus, das einem Kuriositätenkabinett gleicht, findet Hans eine Bleibe, muss aber ernüchtert feststellen, dass die Miete die Hälfte seines Starteinkommens verschlingt. Eine schäbige Wohnung in Bahnhofsnähe ohne Komfort, dafür aber mit reichhaltigem multi-kulturellem Angebot. Der Hinterhof dient als Treffpunkt und Kommunikationsbörse für die Bewohner aus aller Welt. Während Kunsthistorikerin Ina ("aufgewachsen und behütet in einem Reservat abschirmender Bürgerlichkeit") nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub auf Distanz zu den Mitbewohnern geht, bietet der lockere Umgang für Hans ein willkommenes Kontrastprogramm zum sterilen Bankalltag: "Heute musste ich keine Büro-Uniform tragen."

Das Verhältnis zwischen Hans und Ina bekommt immer tiefere Risse. Das Paar findet eine tote Taube im Schlafzimmer, und Inas Abneigung gegen die Wohnung (mehr noch gegen das Milieu) wächst sich zur Phobie aus. "Es lebt etwas von dieser Taube in unserem Schlafzimmer", klagt sie Wochen nach dem Vorfall. Wer muss da nicht sofort an Jonathan Noel aus Patrick Süskinds schmaler Novelle Die Taube denken? Der Anblick einer Taube auf der Schwelle zu seiner Wohnung brachte das Leben des kauzigen Wachmannes völlig aus dem Ruder.

Als Hans dann noch seinen Ehering verliert, scheint der endgültige Bruch bevorzustehen. Bei einem Rendezvous mit einer Mitbewohnerin - einer Schauspielerin, die sich in Nebenrollen am wohlsten fühlt - ist ihm das gute Stück abhanden gekommen. Bevor Ina das Haus verlässt und gedankenversunken durch das nächtliche Frankfurt streunt, hatte sie Hans im Innenhof des Hauses - vor versammelter Nachbarschaft - mit einer Bierflasche niedergestreckt.

Ausgeprägte Beobachtungsgabe

Martin Mosebachs Erzählfluss zeugt von einer ausgeprägten Beobachtungsgabe und (was die Ortsbeschreibungen betrifft) großer Affinität zu den Details. Doch dem folkloristischen Treiben in diesem Haus, in dem nicht nur die Besitzverhältnisse ziemlich dubios sind, mag man nicht vorbehaltlos folgen. Die Bewohner, ob Syrer, Marokkaner, Äthiopier, Schauspielerin oder Kunsthistoriker, wirken wie Exoten - überzeichnet und wie in einem isolierten Mikrokosmos lebend. Dieses überaus bunte Treiben schlägt sich auch auf Mosebachs Sprache nieder. Eine Frau ist ein "echtes Hausschneiderinnenprodukt levantinischer Gesinnung und kolonialer Rückständigkeit", es ist von "hoheitsvoll diagnostizierter Scheußlichkeit" die Rede, die Nacht verströmt "eigensinniges Schwarz", und bei Tage ist ein "aprikosenhaftes Glühen des Sonnenlichtes" zu vernehmen. Frankfurt scheint wirklich eine besondere Stadt zu sein, die ganz spezielle Wahrnehmungen und Reaktionen auslöst. Anders wäre auch das überraschende Romanende um Hans und Ina, die sich später im Taunus als Eltern von zwei Kindern wiederfinden, kaum zu erklären.

Peter Mohr


Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen. Roman. Carl Hanser Verlag 2007. 191 Seiten. 17,90 Euro.

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