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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:40

 

Eckard Henscheid: Auweia

27.08.2007


Den Phrasenschweinen aufs Maul geschaut


Eckhard Henscheid erfindet den Infantilroman

 

Mit auweia, seinem neuen Buch, hat Eckhard Henscheid augenzwinkernd eine neue Gattungsbezeichnung in die Literaturgeschichte eingeführt: die des Infantilromans. Was sind die Charakteristika dieses Genres? Zunächst ließe sich feststellen, dass die Handlung bei diesem nicht ganz ernst gemeinten, ganz und gar kolportagehaften Romantypus eher nebensächlich ist. auweia „erzählt“ die Geschichte des Tennisstars Heidi, für deren exemplarischen Lebenslauf ein deutsches Supermodel gleichen Vornamens sowie Steffi Graf die Vorbilder aus der Wirklichkeit abgegeben haben. Vorgeführt wird dabei ein Milieu, dem Gerhard Polt mit Longline, einem seiner besten Bühnenstücke, bereits ein boshaftes Denkmal setzte – eine Welt, in der die Kinder „Noah Elias“, „Emanuel Pelé“ oder „Annabel-Kathlyn“ heißen und von ihren ebenso ehrgeizigen wie versnobten Eltern im Verein mit sadistischen „Bambinocheftrainern“ zu Tennisstars geknetet werden, nur um sich später als körperlich und emotional deformierte Erwachsene unter die Celebrities mischen zu können.

Zwar lässt einen die Lektüre von auweia für die vom IOC geplante Kinderolympiade nichts Gutes befürchten; doch ist, wie gesagt, diese inhaltliche Komponente, die satirische Kritik am Nachwuchsdrill und der Blick auf die entsetzliche Ödnis im Leben der Klatschblätterpromis, nicht unbedingt das Entscheidende. Der Infantilroman will, ganz entgegen den Regeln der klassischen Poetik, nicht erfreuen oder erbauen, sondern hauptsächlich beißende Sprachkritik üben. Henscheids gesamter Text ist ein aus abgedroschenen Kalauern, hohlen Sprichwörtern und ausgelutschten Redensarten, aus Marketingjargon, Anglizismen, Sportreporterdeutsch, People-Journalismen sowie phrasenhaften Zitaten der Hoch- und Populärkultur zusammengesetztes Rotwelsch, das darüber hinaus mit zahllosen Kraftausdrücken, Schimpfwörtern, Flüchen und sonstigen Interjektionen angereichert wurde. Diese 120seitige Floskelparade, die dem Jetset (und nicht nur ihm) aufs Maul schaut, ist nicht schön.

Der Titel auweia ist Programm, das ohne Rücksicht auf das ästhetische Empfinden des Lesers bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus eingelöst wird: Henscheids Roman ist ein gnadenloser, unerträglicher, unbarmherziger und ermüdender Text, eine katachretische Wortspielhölle, in der es von Elite-Exzelsior-Kindertelefonen, Männernicknames, Power-Geheimnissen, Tophochzeiten und Schnupperimbißsnacks nur so wimmelt. Unerbittlich wird ein Jargon der Uneigentlichkeit bloß gelegt, den man nicht hören, geschweige denn lesen möchte.
auweia
funktioniert also wie ein großer Hohlspiegel, in dem man eine infantile Sprache als Trägerin inferiorer, beschädigter Innenwelten und – dies ist das eigentlich Erschreckende – nicht zuletzt auch ein wenig sich selbst erkennen kann.

Rainer Barbey


Eckard Henscheid: Auweia – Ein Infantilroman. Verlag Antje Kunstmann 2007. 144 Seiten. 14,90 Euro.

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