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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:41

 

Jeff VanderMeer: Ein Herz für Lukretia

23.09.2007


Gärtner der Phantasie

VanderMeers Figuren sind traurige und mutige Gestalten in einer von Melancholie umwehten Welt.

 

In einem verfallenen, halb überfluteten Haus am Baikalsee schreibt Jeff VanderMeer Geschichten von wundersamen Wandlungen und Verwandlungen nieder. Kletterpflanzen und Lotusblumen wachsen in VanderMeers surrealen und märchenhaften Gedanken, in denen die Menschen ihren Alltag verlassen und sich auf seltsame Reisen begeben. In den Erzählungen geht es um das Nichterkennbare in der Realität, die Leugnung und Anerkennung des Ungewöhnlichen, das aber einem nur so erscheint, weil Routine und Gewohnheit keine Träume zulassen.

Im Mikrokosmos der Bürogebäude halten die Angestellten der oberen Etagen die der unteren für niederes Leben, für bienenfleißige Arbeiter ohne Verstand. Unerfreuliche Geräusche durchdringen die Stockwerke, der brutale Beton dringt auf alle ein und das triste Grau von Hautfarbe und Wänden geht nahtlos ineinander über. Bis eines Tages eine Frau ihre Pflanze mitbringt, die langsam wächst und jeden Winkel für sich erschließt. Wenig nehmen die Städter wahr, wenn es um sie geht. Da werden Bibliothekare übersehen, weil sie mit ihrem Beruf derart verbunden sind, dass sie Büchern gleichen. In den Nischen der Hallen und Parks leben und arbeiten diejenigen, die nicht bemerkt werden, ihrerseits aber alles wahrnehmen, selbst das Unscheinbarste.

VanderMeers Figuren sind traurige und mutige Gestalten in einer von Melancholie umwehten Welt. Einige seiner Geschichten sind wehmütig, wie „Ein Herz für Lukretia“, die in einer fernen Zukunft spielt und von dem tragischen Versuch handelt, der Schwester Lukretia ein neues Herz zu beschaffen. „Vignettus“ ist wiederum sehr humorvoll und spielt mit den Märchen, die den Helden den Schatz erobern lassen, um die Prinzessin heiraten zu dürfen; dass es bei VanderMeer anders ausgeht als vermutet, ist für beide Liebenden mehr als erfreulich. Mehrmals wird die Geschichte des letzten Inkakönigs und der Eroberung Südamerikas durch die Spanier aufgegriffen, was auf eine sehr packende, aber auch schreckliche Weise geschieht, bei der die Eroberer fernab ihrer europäischen Heimat dem Wahnsinn verfallen und durch ihre Taten die Zivilisation verleugnen. Gleiches erfolgt auch in „Fliegen ist die einzige Flucht“, in der ein politischer Gefangener dem Gefängnis nach langem Leiden auf traumhafte Art entkommt. Andere Teile des Bandes wiederum spielen vor dem Hintergrund des Horrorromans Veniss Underground. So fallen insgesamt die Erzählungen sehr unterschiedlich aus, anders als etwa bei den Ambra-Geschichten in Stadt der Heiligen & Verrückten, geben aber einen guten Überblick zu VanderMeers Schaffen in der Fantasy, dem Surrealismus und dem magischen Realismus. Bei VanderMeer ist der Mythos aus der Realität entsprungen und wird wieder zur Realität, wenn die Menschen ihre Herkunft vergessen haben.
Bemerkenswert zur deutschen Ausgabe ist, dass die Übersetzung von den Teilnehmern eines Praxisprojekts an der Universität Berlin angefertigt wurde. Das Ergebnis ist überaus gelungen.

Ulrich Blode


Jeff VanderMeer: Ein Herz für Lukretia. Erzählungen. Shayol 2007. Klappbroschur. 289 Seiten. 19,90 Euro.

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