Franzobel: Liebesgeschichte
08.10.2007
Ein biedermeierlicher Reigen
War Schnitzlers Reigen ein Ausbruch aus der moralischen Zwangsjacke der Jahrhundertwende, so zwängt Franzobel die Figuren in seinem Reigen der Ungeliebten in das steife Korsett einer abgetragenen Ordnung.
Zu Romanen greife man, weil man etwas über Liebesdinge erfahren wolle, behauptet der französische Romanautor und Essayist Philippe Sollers. In der Tat finden sich –neben zahllosen Exemplaren dieser Gattung, die auf das Mitempfinden des Lesers abzielen – zahlreiche Romane, in denen der Autor eine amouröse Versuchsanordnung aufbaut und zusieht, wie sich seine fiktiven Labormäuse darin zurechtfinden.
Eine solche Versuchsanordnung liegt offensichtlich auch dem neuen Roman von Franzobel zugrunde. Denn das vielfach wiederholte Konstruktionsschema der Liebesgeschichte lässt sich vereinfacht auf die Formel bringen: A liebt B, B liebt jedoch nicht A, sondern C. Konkret sieht das so aus: Marie Gansebohn liebt ihren Mann Alexander, der jedoch in seine Geliebte Dunja vernarrt ist. Dunja hingegen liebt nicht Alexander, sondern Doyle. Nicht nur Marie ist in Alexander verliebt, sondern auch Heidrun, die Alexander aber lediglich ein Schäferstündchen wert ist. Geliebt wird Heidrun von ihrem Mann, für den sie allerdings nichts empfindet.
So kommt es zu einem heiteren Wiener Reigen, in dessen Verlauf man schnell merkt, dass es dem Autor nicht um Erkenntnis in Liebesdingen, sondern um die Lust am erzählerischen Kapriolenschlagen geht. Auch daraus hätte ein lesenswerter Roman werden können, würde nicht die ewige Wiederkehr des Bekannten ein Gefühl des Überdrusses erzeugen. Und die biedermeierliche Schließung des Reigens zementiert schlussendlich den Eindruck, dass hier jemand den Wilden im Konfirmandenanzug gibt.
Die fahle Abenddämmerung der bemühten Witzigkeit
Wenn auch die Story eher flach ist, so hätte der hinlänglich bekannte sprachliche Einfallsreichtum von Franzobel die Liebesgeschichte durchaus noch in ein unterhaltsames und witziges Buch verwandeln können. Im Detail gelingt dies auch, etwa in Erfindungen wie der inkontinenten Dackeldame Max, einem Sportschuhstoßdämpfer feilbietenden Verrückten oder extravaganten mönchischen Bußübungen. Auch die grotesken Vergleiche sorgen für das eine oder andere Glanzlicht; allerdings überdecken zahlreiche Wiederholungen, abgestandene Pointen und schiefe Bilder die wenigen Geistesblitze, so dass insgesamt gesehen die fahle Abenddämmerung der bemühten Witzigkeit dominiert.
Beispielsweise hat jede Person ihr Sprüchlein, das sie bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit aufsagen darf. Der wiederholte Vergleich von Frauen mit Stuten oder Früchten ist auch nicht gerade originell. Und ein schwacher Monty-Python-Aufwasch ist das abschließende, in Jerusalem spielende Kapitel, wo der Roman, gemäß der immer wieder strapazierten Parallele zur Passionsgeschichte, seine harmonische Abrundung findet. Wie viele Vergleiche wirkt auch diese Parallele aufdringlich-ambitioniert, wie viele Kalauer ist sie eher abgedroschen. So ist die Liebesgeschichte für eine gute Groteske zu bieder, für neue Erkenntnisse in Liebesdingen zu trivial. Aber es gibt ja noch genug andere Romane über dieses Thema, zu denen man greifen kann.
Carsten Schwedes
Franzobel: Liebesgeschichte. Zsolnay 2007. Gebunden. 223 Seiten. 19,90 Euro.