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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:42

 

Johannes Weinberger: Aus dem Beinahe-Nichts

15.10.2007

Trost und Schlaf

Der 32-jährige, mit Preisen und Auszeichnungen bedachte Wiener Autor und Sänger Johannes Weinberger wagt sich in seinem fünften, im Luftschacht Verlag erschienenen Buch an das diffizile Erwachsenenmärchen-Genre und gewinnt ihm ein vielschichtiges, multisinnliches, dabei höchst amüsantes wie luzides Kleinod ab, dessen reicher Inhalt zeitlos schimmert.

 

In wohl nicht zufällig zweiunddreißig, lose verwobenen Kapiteln erzählt ein werdender Vater (das Buchcover zeigt das Ultraschallbild eines Kindes im Mutterleib) von eigenen Ängsten, Träumen und pränatalen Unternehmungen in der Zeit nach dem „Klima-Urknall“: dem „Beinahe-Nichts“, aus dem des Helden Zukunft entspringe, wie ihm ein silbergrauer Wolf prophezeit. Dieser wird ihm zum philosophierenden Freund, den er zu begehren beginnt, und „Hausarzt“, der ihm Tabletten schenkt, die ihn in eine Krähe verwandeln. Er ist es auch, der ihm aufträgt, seine Eltern und Ahnen zu hassen, alles anders zu machen und anders zu sein – ein Ratschlag, den der Erzähler wortgetreu an seinen Sohn gerichtet wiederholen wird. Alsdann taucht ein senfgelber, abgewrackter Löwe in seinem Wohnzimmer auf und erzählt mit blauzüngiger Kleinkinderstimme die Fabel von einem Mädchen, das ob ihrer Andersartigkeit eingesperrt und später zur Welterlöserin einer Regierungen stürzenden Sekte erkoren wird, deren Untertanen ihren Kot essen und ihre Behauptung wiederholen, dass der Himmel grün sei und das Gras blau. Ein violett glänzender Frosch mit goldverzierter Bischofsmütze wiederum sitzt auf dem Fensterbrett und hält angewidert hochmoralische Predigten.

Gelassen gegenüber dem Absurden

Der Erzähler – der sich als vom Autor (?) abhängige Figur reflektiert, die zwecks Lenkung der Geschichte gewisse Taten setzen müsse – nimmt diese absurden Begegnungen eher gelassen, wohl, weil ihm die neben dem werdenden Sohn einzige zartbittere Erinnerungen an seine eigene Kindheit sind. Er ist mit einem ihm „wenig bekannten weiblichen Gespenst“ verheiratet, das bei der Hochzeit bellte und sonst rülpst oder miaut, sofern sie sich überhaupt sehen („Wir sind ein glückliches Paar.“), und ergeht sich in Handschellen- und Haushaltsgerätefantasien. Eine junge Frau mit Zehenringen und einer Plakette an ihrem Katzenhalsband, in die „Hunger“ eingestanzt ist, kommt auf einen Tee vorbei und schenkt ihm einen bald sprechenden Marienkäfer. Bei einem weiteren Besuch läutet sie schwer verletzt, doch ist „Handschellentag“, er öffnet nicht, flüstert Trostfloskeln und ein Schlaflied. Und später wird ihn sein schlechtes Gewissen zu ihr treiben, die nunmehr seit Wochen in einem Nachthemd halb erfroren auf einer Parkbank sitzt (hatte sie ein Wolf angefallen, leidet sie unter Wahrnehmungsstörungen?), inmitten von neue Erdenbewohner modellierenden Kindern. Während seines Urlaubs, in dem der namenlose Held sich eine Pistole kauft (deretwegen seine unangenehmen Eigenschaften verschwinden?), kriecht eine schwanzlose Meerjungfrau am Strand auf ihn zu und beklagt sich über ihr ersehntes, nun schmerzendes aufrechtes Dasein an Land (erschießt er sie?). Und wieder zurück wird er ein nach vergilbtem Geld riechendes Geschäft betreten, in dem es alles gäbe, aber nichts gibt, so die ihn empfangene menschengroße Heuschrecke, deren Körper wie Papier raschelt...

En-passant-Wahrheiten

Aktuelle und schwelende gesellschaftliche Themen und Probleme (Religiosität und Wahn, Waffenstolz, Raubtierkapitalismus etc.) werden so en passant in den kurzen, mit Rückverweisen gespickten Kapiteln oft lyrischer, meist einzeln stehender Sätze angerissen, scheinen durch surreale, ins groteske Reale gebrochene Situationen durch, wie der Wahrheit Hälften: „Sich einen Gott suchen und ihm die Verantwortung für die Welt zu übergeben, ist die jämmerlichste Feigheit, zu der ein Mensch imstande ist.“ Wahrheitshälften aus Schneeflocken zu sammeln, wird auch des Vaters brieflicher Rat an seinen Sohn lauten, nachdem alle Tiere das Märchenfigurschlafzimmer bevölkern…

© Roland Steiner


Johannes Weinberger: Aus dem Beinahe-Nichts. Märchen. Luftschacht Verlag 2007. 116 Seiten. 15,90 Euro.

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