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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:42

 

Katja Lange-Müller: Böse Schafe

15.10.2007


Die helfende Mausepuppe

Katja Lange-Müller schaffte es mit ihrem Roman Böse Schafe auf die Shortlist für den Deutschen Bücherpreis.

 

Der Romantitel Böse Schafe birgt einen Widerspruch, denn Schafe gelten landläufig als äußerst gutmütige Tiere. Doch im neuen Roman von Katja Lange-Müller geht es eben um jene Ambivalenz in den Figuren - sowohl bei der Protagonistin Soja als auch bei ihrem Geliebten Harry.

Die 57-jährige Autorin, die mit diesem Roman in die Finalrunde um den Deutschen Bücherpreis gelangte, wechselte wie ihre weibliche Hauptfigur vor dem Mauerfall von Ost- nach West-Berlin. Beide haben den Beruf der Schriftsetzerin erlernt, und beide fühlen sich in der neuen gesellschaftlichen Umgebung zunächst fremd.
"Ich betrachte das sozusagen als den letzten Teil einer Trilogie. Die Protagonistin heißt immer anders, ist aber doch dieselbe Figur", bekannte Katja Lange-Müller und bezieht damit ihre Vorgängerwerke Verfrühte Tierliebe und Die Letzten in den erzählerischen Kreis mit ein.

"Na, Mausepuppe, wohin geht's?"

Soja Krüger, die ihren Vornamen als Erinnerung an eine von ihrer Mutter verehrten russischen Partisanin trägt (Katja Lange-Müllers Mutter war Politbüromitglied der SED), war auch einmal ein böses Schaf. Als junges Mädchen war sie in den 60er Jahren auf einem DDR-Bahnhof verhaftet worden. Sie galt als Selbstmordkandidatin, weil sie eine Zigarettenschachtel von den Gleisen aufheben wollte. Nur dank der Fürsprache ihrer politisch einflussreichen Mutter kam Soja unbeschadet aus dieser Sache heraus, und das "Missverständnis" wurde nie aktenkundig.

Ende der 80er Jahre trifft Soja in West-Berlin auf ein anderes "böses Schaf", auf den vorbestraften Harry, der ihr mit den Worten "Na, Mausepuppe, wohin geht's?" imponiert. Es geht anschließend gemeinsam in die marode Moabiter Wohnung der als Blumenverkäuferin tätigen Soja. Der liebevoll-naiv gezeichnete Harry ist heroinabhängig, HIV-positiv und befindet sich nach einem bewaffneten Banküberfall nur mit strengen Bewährungsauflagen in Freiheit.
Harry ist für Soja nicht nur die große Liebe, sondern auch eine soziale Herausforderung. Die Protagonistin, die sich im Osten in prekären Lebenslagen von ihrer Mutter helfen ließ, will nun selbst Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen und organisiert penibel Harrys Therapiebemühungen. Wie sich später herausstellte (und man als Leser früh ahnt), war es ein erfolgloses Unterfangen.

Doppelte Verlierergeschichte auf wechselnden Zeitebenen


Katja Lange-Müller, die bereits 1986 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt diese doppelte Verlierergeschichte auf wechselnden Zeitebenen. Die eigentliche Handlung ist zwischen 1987 und 1990 angesiedelt, die kommentierenden Reflexionen stammen aus der Zeit, als Soja bereits die Tagebuchaufzeichnungen des kurz vor dem Mauerfall verstorbenen Harry in den Händen hält und konsterniert feststellt, dass sie mit keiner Silbe erwähnt wird.
Zu den Disharmonien und Brüchen in den Lebensläufen ihrer Figuren fügt Katja Lange-Müller mit einem feinen Gespür für Details auch noch skizzenhaft ein lebendiges Portrait des im Auf- und Umbruch begriffenen Berlins der ausgehenden 80er Jahre an.

"Die meisten menschlichen Leben verlaufen in einer Kurve, in der sich die einzelnen Stadien deutlich unterscheiden: der ansteigende Ast des Ehrgeizes, ein abgerundeter Scheitel der Reife, ein sanft absteigender Ast der Ernüchterung und Enttäuschung, und am Ende das flach auslaufende Stück des Wartens auf den Tod", schrieb John Steinbeck in "Das Tal des Himmels". Das klingt so, als hätte der Nobelpreisträger von 1962 Katja Lange-Müllers Roman "Böse Schafe" beschrieben.

Peter Mohr


Katja Lange-Müller: Böse Schafe. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag 2007. 206 Seiten. 16,90 Euro.

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