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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:43

 

Brigitte Kronauer: Errötende Mörder

29.10.2007

Kandierter Ingwer und lustige Brüste

Brigitte Kronauer hat ein ausgeprägtes Faible für kunstvoll arrangierte Skurrilitäten. Die mittlerweile 66-jährige Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 2005 sprüht vor Esprit und jugendlicher Innovationskraft. Mit jedem Buch scheint sie die Grenzen der Literatur neu vermessen zu wollen.

 

Brigitte Kronauers Protagonist Jobst Böhme, 41 Jahre alt und Inhaber eines Geschäfts für gehobene Büroartikel, fühlt sich „pappig“, hohl und ausgelaugt. Nach 10-jähriger Ehe mit Ellen lebt das Paar in Scheidung, weil Jobst nicht mochte, wie sie stets ihren kleinen Finger abspreizte. Ellens Platz hat Natalja eingenommen, Böhmes Angestellte „mit lustigen Brüsten“.

Einer von Jobst Böhmes Kunden, ein befreundeter Schriftsteller, schickt ihn zur Erholung in die Schweizer Berge. Einzige Bedingung, er muss drei seiner neuen Romane Korrektur lesen. So begegnen wir – fast wie einem Modetrend dieses Herbstes, denn Robert Menasse und der Katalane Albert Sánchez Pinol bedienen sich ebenfalls in ihren neuen Romanen dieses Kunstgriffs – wieder einer Roman-im-Roman-Konstruktion.

In den drei Romanen (einer trägt den Titel „Errötende Mörder“), die Jobst Böhme in der Bergwelt von Arosa liest, begegnet er ebenfalls Figuren, die am Scheideweg stehen, deren Leben sinnentleert ist, die von mehr oder weniger starken seelischen Krisen heimgesucht wurden. Die Lektüre wird für den unglücklichen Geschäftsmann aus einer norddeutschen Großstadt wie ein Blick in den Spiegel. Einer der Romane beginnt mit dem lapidaren, aber folgenreichen Satz: „Meine Freundin Dottie Wamser hat mich verlassen.“

Bis ins Kleinste durchkomponiert

Die Literatur fungiert für Böhme als Selbstfindungsprozess, als eine Art Erweckungserlebnis. Die gewiefte Brigitte Kronauer will mit diesem bis ins kleinste Detail durchkomponierten Roman fraglos ganz hoch hinaus. Sie lässt uns auf den vier unterschiedlichen Erzählebenen nicht nur an biografischen Zäsuren und irrationalem Handeln teilhaben, sondern gestaltet auch ein reizvolles Spiel zwischen Autorschaft und literarischen Figuren sowie zwischen Erzählen und Rezeption.
Böhme überkommen Zweifel am eigentlichen Sinn seiner Mission in den Bergen. Hat ihn der befreundete Schriftsteller vielleicht weggeschickt, um sich der attraktiven Natalja mit kandiertem Ingwer zu nähern?

Surrealer Schleier

Alles wirkt in diesem Roman wie mit einem surrealen Schleier überzogen – auch Böhmes Erkenntnisgewinn durchs Lesen. Kann die Änderung eines Menschen auf diese Weise vonstatten gehen? Ist eines unbelesenen Normalbürgers Seele heute überhaupt noch für Literatur zugänglich? Wie Kronauers Vorgängerwerke ist dieser hochartifizielle Roman nicht massenkompatibel, hier werden nicht literarische Fast-Food-Freunde, sondern künstlerische Gourmets bedient.

Errötende Mörder ist konstruiert wie ein Getriebe, in dem viele kleine Zahnräder ineinander greifen. Bei Brigitte Kronauer, der „Feinmechanikerin“ der deutschen Gegenwartsliteratur, läuft alles so exakt ausgetüftelt, sind alle Reibungsstellen so versiert geölt, dass man sich am Ende als begeisterter Leser trotzdem von dieser künstlerischen Perfektion beinahe erschlagen fühlt und sich im Sinne von Günter Eich, der einst schrieb, „Seid Sand und nicht das Öl im Getriebe der Welt“, (unterschwellig) ein wenig mehr Knirschen zwischen den Buchseiten gewünscht hätte.

Peter Mohr


Brigitte Kronauer: Errötende Mörder. Roman. Klett Cotta Verlag 2007. 332 Seiten. 21,50 Euro.

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