Andreas Puchebuhr: Ich und Hulapoko erobern die Welt
11.11.2007
Zur See und auf der Bühne – hohe Wellen, fetter Bass
Andreas Puchebuhr treibt sein Märchen in lässiger (nicht nachlässiger!) Sprache voran, und wie es sich für ein solches gehört, liefert es auch eine Moral, die so simpel wie wahr ist: einfach machen! Mit den Füßen laufen, nicht nur in Gedanken!
Meine Seefahrerkarriere begann 1982. Auf einem Kiesteich in der Nähe von Nordhausen, Bezirk Erfurt. Der heißt inzwischen Thüringen. Also nicht der Teich, sondern der Bezirk. Genau genommen ist der Bezirk Erfurt im Land Thüringen verschwunden. Neben einigen anderen. Ähnlich wie Götz Hatzlhofer. Nur dass ich von dem nicht weiß, wo er sich heute befindet – auf dem letzten Klassentreffen war Hatzlhofer nicht.
Mit diesen Sätzen beginnt Andreas Puchebuhr seinen Roman Ich und Hulapoko erobern die Welt. In ihm beschreibt er in Form eines Logbuchs eine abenteuerliche Weltumseglung, zu der er im Jahre 2002 von Neustadt aus mit seinem Segelboot, der „Sea Fart“, in See stieß – mit dem Wichtigsten ausgerüstet und nicht, ohne sich ausführlich auf die vor ihm liegende Aufgabe vorbereitet zu haben:
Zur Vorbereitung übte ich Knoten und trainierte mit einem Messer und dem Aufblasdelphin der Nachbarskinder, einen Hai auf offener See zu erlegen. Einerseits, um Angriffe abzuwehren. Zum anderen, um dem geschundenen Körper wertvolle Proteine zuzuführen.
Bereits nach wenigen Seemeilen, beim zweiten Stop quasi, tritt eine Gestalt in sein Leben, die in der Folgezeit noch für ausreichend Gesprächsstoff sorgen wird: Hulapoko, ein von seinen Kumpanen vergessener Indio und Mitglied einer Panflötengruppe, der sich der Fahrt spontan als Matrose anschließt. Gemeinsam bieten sie von nun an den maritimen Unwegsamkeiten die salzige Stirn. Über die Ostsee gelangen sie in polnische Hoheitsgewässer und weiter nach Helsinki, wo sie an einem Abend die gesamte Reisekasse vertrinken, die jedoch umgehend wieder aufgefüllt wird:
Auch Hulapoko leistet mit insgesamt drei Auftritten in der Fußgängerzone einen erheblichen Beitrag für unser Portemonnaie. Es hat den Anschein, dass er einer der ersten Indios auf finnischem Boden ist und somit Exotenbonus genießt.
Im Anschluss lassen sie sich nach dem Genuss eines Nationalgerichts aus Rentierhoden zur Provokation der Eingeborenen hinreißen, was ihnen die erste Nacht hinter (nicht schwedischen, aber zumindest) finnischen (Gefängnis-)Gardinen einbringt. Kurz darauf verlassen die beiden Helsinki, nachdem Hulapoko das gesamte Schiff mit Kuscheltieren vollgestopft hat, die er mit einem Plüschtier-Greifarm ergattern konnte. Wieder auf See, der nächste Hafen, im russischen St. Petersburg schließlich wieder Gefängnis – weil der Hafenzoll sie aufgrund der unzähligen Kuscheltiere des Spielzeugschmuggels verdächtigt ... doch auch aus dieser Situation findet sich ein (unerwarteter) Ausweg, und weiter geht’s nach Reykjavik, von dort aus weiter ins westafrikanische Guinea-Bissau, über den Atlantik nach Recife, wo man sich eines Morgens manövrierunfähig zwischen riesigen Frachtern und Kreuzfahrtschiffen wiederfindet. Glücklicherweise ist auch die „Deutschland“ vor Ort, und so werden sie nicht nur von Heide Keller und Sunnyboy Hehn gerettet und in den Hafen geschleppt, sondern auch eingeladen, das „Traumschiff“ mit ihrer Anwesenheit und die beliebte Fernsehserie mit einem Gastauftritt der besonderen Art zu bereichern. Weitere Abenteuer beim Landgang, aber nicht nur dort, denn neben Walen, aggressiven Riesenkalmaren und Atom-U-Booten ist es auch das sagenumwogene Atlantis (zweifelsfrei zu erkennen am mit Korallen überwucherten Ortseingangsschild), das entdeckt werden möchte.
Ungeheuerlichkeiten, lustvoll zu erlesen
An dieser Stelle alle noch folgenden Stationen der Reise aufzuführen, denen sich die Besatzung der „Sea Fart“ gegenübersieht, verbietet sich, denn schließlich lebt dieses Buch von den Ungeheuerlichkeiten, die es am genussvollsten selbst zu erlesen gilt. Puchebuhr erweist sich als moderner Münchhausen, der als solcher durchaus in einer Linie mit den Erzählungen eines Walter Moers oder den ersten Kriminalgeschichten eines Helge Schneider gesehen werden kann. Wer im Nachbericht zu den Champions-League-Spielen des VfB Stuttgart im Sportstudio zu stehen hat, der muss sich die Highlights mühsam zusammenkratzen. Leichtes Spiel hat dagegen, wer hier Seite für Seite unpädagogischen Geographie-Unterricht sowie abstruse Komik geboten bekommt. Puchebuhr treibt sein Märchen in lässiger (nicht nachlässiger!) Sprache voran, und wie es sich für ein solches gehört, liefert es auch eine Moral, die so simpel wie wahr ist: einfach machen! Nicht drüber reden, müsste ich mal, sollte man mal tun – einfach machen. Mit den Füßen laufen, nicht nur in Gedanken! Ähnlich wie der Protagonist dieses Buches hat auch das Buch selbst bereits eine interessante Entwicklung hinter sich. Zunächst bei BoD unter dem Titel Der junge Mann und das Meer erschienen, wurde es bereits nach kürzester Zeit von Vito von Eichborn entdeckt, in die Edition BoD aufgenommen und dort unter seinem neuen Titel und mit geändertem Cover nochmals veröffentlicht – verdientermaßen, möchte man aus dem Krähennest rufen.
Anarchistisches Live-Vergnügen
Doch Puchebuhr, der sich mit seinem Romanerstling als Poet (auch!) der leisen Töne offenbart, hat auch eine „dunkle“ Seite: Gemeinsam mit zwei Mitstreitern (Fidel Mobbs am Schlagzeug und Senor Ina an der Gitarre) verdingt er sich neben der Schriftstellerei als Sänger und Bassist der „The (world famous) Havana Cowboys“ (dort jedoch unter seinem Mädchennamen Don Canone). Quasi zeitgleich mit seinem Buch ist deren erste EP „Todeslimbo“ mit sieben Songs erschienen. Wer den Drang verspürt, alles und jeden in eine Schublade zu packen und kategorisieren zu wollen, der wird bei den Havana Cowboys (die wie die vor allem durch ihren geschminkten Sänger in Erinnerung gebliebene Band Alphaville aus Münster kommt – das aber ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit) letztlich wahrscheinlich beim Punkrock landen.
Dann aber bleibt als Konsequenz zu sagen: Wer Bad Religion noch immer für das Non plus ultra hält, hat nach dem „Todeslimbo“ zu akzeptieren, dass er es bei Greg Graffin und Konsorten mit einer melodischen Light-Version dieses Genres zu tun hat. „The (world famous) Havana Cowboys“ machen Lärm für zehn und haben merklich Spaß dabei. Davon, dass ihre Songs auch live funktionieren, konnte ich mir beim diesjährigen Gnadenlos-Festival ein Bild machen. Chaotisch geht es zu, wenn sie die Bühne entern. In nur 20 Minuten spielen sie knapp zehn Lieder und lassen damit die Songs der Brüder Ramone, die neben Motörhead und den Sex Pistols unverkennbar zur musikalischen Sozialisation der Bandmitglieder beigetragen haben, als ausschweifende Epen erscheinen. Gespielt wird auf Zuruf und nach Lust und Laune, gerne reißt Puchebuhr das Mikro vom Ständer und singt mit Mikrophon im Mund – ein anarchistisches Live-Vergnügen, das im Vergleich mit den Bands, deren Sänger besonders gefühlvoll sein wollen und deshalb meinen, mit geschlossenen Augen singen zu müssen, sehr positiv daherkommt.
stefan heuer.
Andreas Puchebuhr: Ich und Hulapoko erobern die Welt. Edition BoD, herausgegeben von Vito von Eichborn. 212 Seiten, Paperback, 12,90 Euro. The (world famous) Havana Cowboys: "Todeslimbo". EP mit 7 Songs, 10,00 Euro. Erhältlich über Vainstream Music (www.vainstream-music.de).
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