Stewart ONan: Letzte Nacht
19.11.2007
Melancholie und Leuchtreklame
Der neue Roman des William-Faulkner- Preisträgers Stewart O’Nan, Letzte Nacht, wird von Stephen King, seines Zeichens immerhin der Meister des Schreckens, als „zutiefst bewegend“ und human angepriesen. O’Nan ist ein Meister des genauen, menschlichen Blicks und sein Roman nichts weniger als eine kleine literarische Großtat.
Die Melancholie ist, so sollte man meinen, eine sehr deutsche Gemütslage. Schiller wurde von ihr ebenso geplagt wie die deutschen Romantiker, Dürer schuf ihr eine zeitlose Ikonographie und auch Goethes Faust – als deutscher Nationalcharakter! – gab sich jenen dunklen Gedanken hin. So stellen wir uns die Melancholie als erhabenes, würdevolles Gefühl vor, das uns Anteil am ewig wabernden Weltgeist haben lässt und uns den geniastischen Geistern der Blütezeit deutschen Dichter- und Denkertums zumindest ein kleines Stück näher bringt.
Einen weiteren bildlichen Ausdruck fand die deutsche Melancholie in den einsamen Gestalten von Caspar David Friedrich: Überwältigt betrachten sie die Macht der Natur, das Erhabene, das ihnen in seiner schrecklichen Größe schonungslos die Nichtigkeit der eigenen Existenz vor Augen führt. Die – wenn wir schon das Konstrukt eines Nationalcharakters anwenden wollen – amerikanische Form der Melancholie unterscheidet sich deutlich von ihrem weihevollen deutschen Vorgängermodell. Der Künstler Edward Hopper hat sie in zahlreichen Gemälden festgehalten. Es ist die Gemütslage der Moderne, die Melancholie der Großstadt – einsame Menschen versunken in sich selbst, ratlos angesichts der überwältigenden Reizüberflutung des zeitgenössischen Lebens. Ihr Platz in der Welt ist nicht mehr die Natur, sondern die Tankstelle, die Nachtbar oder das Restaurant am Highway.
Das alltägliche Streben nach Glück
Es ist eben jene Form der Melancholie, die der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan in seinem neuesten Roman zum Thema macht. Unspektakulär und ohne jedes vordergründige Pathos beschreibt er den letzten Arbeitstag in einer nicht weiter außergewöhnlichen Filiale einer amerikanischen Restaurantkette. Die Firmenleitung hat beschlossen, das Restaurant zu schließen, nur wenige Angestellte werden mit dem Geschäftsführer in einer anderen Filiale Arbeit finden, der Rest der Bediensteten muss sich neu orientieren.
Spektakulär ist an diesem Plot selbstverständlich nichts. Die Konflikte der Figuren – ihre Ängste, Hoffnungen und Träume werden über kleine Gesten ausgetragen –, der große Zusammenbruch, die zu erwartende Katastrophe, die reinigende Destruktion bleiben aus. Das Leben geht weiter – eine endlose Aneinanderreihung kleiner persönlicher Niederlagen. Und trotzdem ist Letzte Nacht eben gerade keine nihilistisch-zynische Abrechnung mit der Ungerechtigkeit dieses Lebens geworden, kein anklagendes Sozialporträt des amerikanischen Proletariats, sondern vor allem die zutiefst humane Schilderung unseres oftmals vergeblichen, alltäglichen Strebens nach Glück. Mit genauem Blick schildert O’Nan die tiefen seelischen Verletzungen seiner Figuren, ohne dabei auch nur einen Moment die Pose des mitfühlenden Beobachters mit der Rücksichtslosigkeit des Voyeurs zu verwechseln.
Die große Stärke dieses anrührenden kleinen Büchleins könnten ungeduldige Gemüter jedoch auch als seine Schwäche auslegen: Stewart O’Nans Prosa ist dem Sujet angeglichen. Seine Sprache bleibt ruhig, unaufgeregt und unspektakulär. Wer sich jedoch auf Letzte Nacht einlässt, wird mit einem der wunderbarsten Romane dieser Saison belohnt, in dem – darin ist O’Nans Prosa der des deutschen Großschriftstellers Wilhelm Genazino nicht unähnlich – mehr Wahrhaftigkeit steckt als in den meisten polternden und frenetisch beworbenen Neuerscheinungen gleichzeitig. Und wer würde es schon wagen, Stephen King zu widersprechen?
Sebastian Karnatz
Stewart O’Nan: Letzte Nacht. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Marebuchverlag 2007. Gebunden. 157 Seiten. 18,00 Euro.