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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:45

 

Salman Rushdie: Wut

20.02.2004

 
Eros mit Soße

Was passiert, wenn Männer altern? Manche werden dick, viele bleiben dumm, die dritten kriegen einen Schnupfen. Alle jedoch werden oder bleiben lüstern (mit dreißig spätestens weiß man das). Der Lebensweg ist einer des Begehrens; die Weisheit, welche, wie man hört, am Ende steht, vielleicht nur sublimierte Brunst. Deshalb werden viele ältere Männer, sogar die Rosenzüchter, irgendwann ein bisschen lächerlich.

 

Nun mag man, gerade im Hesse-Jahr, derlei Populär-Gerontologie zurecht bezweifeln. Die Gegenbeispiele sind ja erdrückend: Gadamer nichts als ein hundertjähriger Lüstling? Niemals! Dennoch drängt sie sich mitunter auf. Ein aktuelles Beispiel ist, leider, Salman Rushdies neuer Roman Wut.

Um das degoutante Fazit gleich vorwegzunehmen: Rushdie ist älter geworden - und geiler. Aus der schier uferlosen poetischen Lust, die sein Buch Midnight's Children zu einem seltenen literarischen Höhepunkt und Booker of Bookers-Preisträger machte, ist die lächerliche Lust des Poeten geworden. Man kennt das Phänomen bereits von Rushdies Mitbewerber Hanif Kureishi, dessen in Romanform kolportierte Ehekrise Intimacy vor Jahren die Frauenzeitschriften erregte: Plötzlich hat die Hauptfigur das Alter ihres Autors; es gibt real wie fiktional eine verlassene Familie mit schöner Ehefrau und Kindern, die sich herzzerreißend nach dem Papa sehnen; und eben Papa, der sie wegen besser ausgestatteten Modellen allein gelassen hat und sich deshalb grämt, manchmal. Zumeist jedoch verdrängt die Libido die Vatersehnsucht, denn unsere älteren Herrn verkehren jetzt, so werden sie nicht müde zu versichern, mit jungen Göttinnen. So bei Kureishis Ich-Erzähler Jay, so auch bei Professor Malik Solanka, dem Ideengeschichtler, von dem Rushdie erzählt.

Wie Rushdie hat Solanka Frau ("kleine, schön geformte Brüste") und Kind ("ein unglaublich schöner und sanftmütiger Dreijähriger") zurückgelassen und ist nach New York gezogen. Vorläufiger Grund seiner Flucht ist allerdings keine Geliebte, sondern - Wut. Solanka geht ins Exil, um seine Familie vor den unberechenbaren Anfällen zu schützen, die ihn zunehmend plagen. Dass er sich dafür ausgerechnet Amerika und dort ausgerechnet New York aussucht, ist kein Zufall. "Amerika beleidigt den Rest des Planeten", so schreibt Rushdie ein paar Monate vor dem elften September, und: "New York war in diesen Zeiten der Fülle zum Ziel und Objekt der Sinnenfreude und des Begehrens der ganzen Welt geworden, und die 'Beleidigung' machte den Rest der Welt nur noch viel gieriger." Man ahnt, dass Solankas undefinierte Wut einiges damit zu tun hat.

Leider vermischt sich die schmissige Kapitalismuskritik, die der Millionär Solanka zu ein paar Flaschen Tignanello Antinori reicht, bald mit Undialektischem. Ist Seite acht einmal erreicht, tritt die erste junge Frau auf: Mila, Anfang Zwanzig, grünäugig mit slawischen Wangenknochen, "die junge Kaiserin der Strasse", die natürlich gar nicht anders kann als sich in den Herrn Professor zu verlieben.

Neben ihr entsteht allmählich das Porträt Solankas. In Rückblenden erfahren wir, dass Sex mit ihm "gut, immer gut" war, dass er in Cambridge gelehrt und nach dem Besuch einer Puppenhaus-Ausstellung angefangen hat, Puppen zu bauen. Sein Meisterwerk, die weibliche zeitreisende Puppe Little Brain, ist zum Star einer pädagogisch wertvollen Fernsehserie avanciert; daher sein Reichtum, daher vielleicht auch seine Wut.

Soweit mag man der Geschichte folgen. Midlife-Firnis wie bei Kureishi, brandname-dropping à la Easton Ellis, ein bisschen Pygmalion-Merchandising und hin und wieder eine "Arschkneiferin" namens Perry Pincus - nichts Großes, aber allemal besser als Pop-Literatur. Hätte er es nur dabei belassen.

Hat er aber nicht. Neela Mahendra kommt dazu, Model und Polit-Aktivistin, die natürlich gar nicht anders kann als sich in den Puppenmeister zu verlieben. Neela kämpft für die Revolution in ihrer Südsee-Heimat Lilliput-Blefuscu. Sie ist temperamentvoll - Gottseidank gibt es das Wort "rassig" im Englischen nicht -, intelligent und so schön, dass der Autor reihenweise Männer an Laternenpfähle laufen lässt. Mit einer ironiefreien Penetranz, die nur noch hormonell zu begründen ist, macht Rushdie jedes Auftreten der "siderischen Irrealität ihrer Schönheit" zu einer Offenbarung. Seite über Seite regiert Chaos, wenn Neela sich zeigt.. Von einer ästhetischen Motivation dieser Magie, die man von Rushdie ja kennt, ist allerdings nirgends etwas zu spüren.

So kitscht und soßt es dahin, bis die Handlung sich zum Showdown putscht - in Lilliput-Blefuscu. Wer es selbst lesen will, macht jetzt die Augen zu: Neela, Schönste aller Schönsten, opfert sich für unseren Professor, der, so gerettet, zu seinem kleinen Sohn zurückkehrt. Auf der letzten Seite überrascht er ihn - als altersloser Hüpfburg-Bube: Solanka "hüpfte immer höher und dachte gar nicht daran, mit dem Hüpfen aufzuhören oder das Brüllen einzustellen, bis der kleine Junge sich umdrehte [...], bis Asmaan sich umdrehte und seinen Vater da oben sah, seinen einzigen und alleinigen Vater, der in den Himmel, asmaan, emporflog, all seine verlorene Liebe heraufbeschwor und sie hoch oben in den Himmel warf wie einen weißen Vogel, den er aus seinem Ärmel zog." Seinesgleichen geschieht, wenn Männer älter werden.


Mathias Tretter



Salman Rushdie: Wut. Roman. Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler, Berlin 2002. 382 Seiten. ISBN 3-463-40406-0. ?? Euro.

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