Marcus Braun: Armor
26.11.2007
Wellen, Strand und Seeigel
Jeder ist ein Schauspieler in Marcus Brauns souverän arrangiertem Kammerspiel über Liebe, Lügen und die Last der Vergangenheit.
Die Mausefalle ist seit jeher ein beliebtes narratives Utensil: in einem abgeschlossenen Raum trifft eine begrenzte Anzahl von Figuren aufeinander, die mangels Fluchtmöglichkeiten dazu verdammt sind, ihre Konflikte untereinander auszutragen, bis zum bitteren Ende. In eine solche Mausefalle lässt auch Marcus Braun die Protagonisten seines neuen Romans tappen. Nach einem Autounfall bietet die leichtlebige Isabelle einem jungen, frisch verliebten Paar ihre Hilfe an. So gelangen Kate und Fabien in die normannische Küstenvilla, die Isabelle mit ihrem älteren Mann Jacques bewohnt. Es kommt, wie es kommen musste: der nach dem Verlust seines Sohnes Arnaud in Melancholie verfallene Jacques verliebt sich in Kate, was die üblichen Komplikationen nach sich zieht. Am Ende des Buches ist Jacques tot, der Verdacht liegt auf Fabien, die Frage ist nur, wer ihn wirklich umgebracht hat.
Und als wäre dieser Plot noch nicht klassisch genug, durchziehen vom ersten Kapital an Andeutungen des letalen Ausgangs den Roman. Da denkt Fabien über das Sterben nach, ein Warnschild weist auf die Anzahl der Verkehrstoten hin und der Erzähler deutet explizit darauf hin, dass Fabien und Kate durch einen Quickie im Auto ihrem Schicksal hätten entgehen können. Dieses Kontinuum von Fingerzeigen des Todes wirkt so, als würde in einem Film permanent die bedrohlich wirkende Musik erklingen, die in stereotypen Formen dieser Kunst Spannung erzeugen soll. Der Autor hat die Handlungsfäden fest in der Hand, dirigiert souverän das Ensemble der eher eindimensionalen Charaktere und streut seine Hinweise aus: der Seeigel, der Fabien in der zweiten Hälfte des Romans zum Verhängnis werden wird, taucht ebenfalls schon im ersten Kapitel in Kates Wunsch auf, „Wellen, Strand, Seeigel“ zu sehen. Und selbst das spätere Abgleiten in Fabiens Vorstellungswelt, das ein wenig Unsicherheit in den Roman hätte bringen können, wird durch die Kapitelüberschrift „Intra muros“ und einen Tempuswechsel ordentlich markiert.
Das Leben ist ein Film
Dieser geordneten Romanwelt stehen stellenweise skurrile Dialoge gegenüber wie im folgenden Beispiel aus dem in dieser Hinsicht besonders gelungenen Kapitel „Die Agonie der Hornisse“:
„- Es gibt nur noch die Bayeux-Suite, sagte die elderly Lady im Hotel Intra Muros. - Das Hotel befindet sich außerhalb der Stadtmauern, sagte Fabien. - Ja, aber in der Bayeux-Suite gibt es auch keinen Teppich von Bayeux.“
Aus solchen Gesprächen, die wie aus Filmen von Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch entlehnt wirken, bezieht dieses flott geschriebene und unterhaltsame Buch seinen eigenen Reiz.
Bezeichnend ist dieser Dialog auch inhaltlich: nichts ist in diesem Hotel so, wie es die Namen versprechen, die Bezeichnungen gaukeln eine andere Welt als die tatsächlich existierende vor. Das Motiv der Vorspiegelung, der Täuschung kommt auch in der Leitmetapher von Armor zum Ausdruck, dem Film. Wiederholt wird die Handlung durch Kurzszenarien von B-Movies illustriert, Jacques’ Sohn Arnaud träumte davon, einen Film zu drehen, und es mangelt nicht an Hinweisen auf die Schauspielerei der Menschen untereinander.
Auch die Erzähltechnik von Marcus Braun, geprägt durch kurze, aber prägnante Szenen, die bisweilen sprunghaft aneinander gereiht sind, sowie lakonische, vieles aussparende Dialoge, erinnert an den Film. Und geht doch deutlich darüber hinaus in der Multiperspektive von Sätzen wie „Jacques lächelte (freundlich, wie er dachte, selbstzufrieden, wie Fabien dachte, verschwörerisch, wie Kate dachte, Isabelle sah gerade nicht hin)“. Durch diese Einbeziehung divergierender Gedanken- und Vorstellungswelten wird Armor zu einem hintergründigen Kammerspiel, das zwar von filmischen Sehweisen geprägt ist, diese aber mit Mitteln der Literatur erweitert.
Carsten Schwedes
Marcus Braun: Armor. Roman. Suhrkamp Verlag 2007. Gebunden. 187 Seiten. 17,80 Euro.
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