Juli Zeh: Schilf
03.12.2007
Oskar und Sebastian
2002 hat Juli Zeh für ihren inzwischen in 28 Sprachen übersetzten Debütroman Adler und Engel den Deutschen Bücherpreis erhalten. Ganz nebenbei hat sie das beste juristische Staatsexamen ihres Jahrgangs im Freistaat Sachsen abgelegt, fünf weitere Bücher geschrieben und weitere Literaturpreise erhalten.
Nun hat die 34-jährige Autorin neues literarisches Terrain betreten und sich eines Kriminalfalls als Handlungsüberbau bedient. Doch die gebürtige Bonnerin verzichtet bewusst auf alle charakteristischen Elemente dieses Genres. Der Mörder steht schon früh fest, der Tathergang ist bekannt, und der titelgebende Ermittler „Schilf“ – eine kauzige Mischung aus Columbo und Mankells kränkelndem Wallander – spielt eigentlich auch nur eine untergeordnete Rolle („Mit Verspätung kommt der Kommissar ins Spiel.“). Spannung im konventionellen Sinn kann sich so nicht einstellen.
Motiv im Vordergrund
Für Juli Zeh steht nicht die Tat oder deren Ausführung, sondern das Motiv im Vordergrund, die Hemmschwelle, die ein unbescholtener Bürger überschreiten muss, um zum Gewalttäter zu werden. Besonders geschickt stellt sich die Autorin bei der formalen Umsetzung ihres Blicks in die Innenwelten der Figuren allerdings nicht an. Juli Zeh kokettiert aufreizend mit den Werken von Robert Musil und bedient sich einer Sprache, die durch ihren aufgesetzten Metaphernreichtum mindestens ebenso fremd bleibt wie ihre Protagonisten. „Löffel musizieren klimpernd auf Desserttellern“, und der „Abend legt den Wänden Rouge auf“.
Oskar und Sebastian, Lehrstuhlinhaber für Physik und seit der Studienzeit befreundet, stehen im Mittelpunkt des Romans. Sie konkurrieren nicht nur mit ihren physikalischen Theorien, sondern offenkundig auch um ihre Lebensführung. Oskar wirft Sebastian eine „physikalisch legitimierte Unmoral“ vor. Diese Unmoral scheint darin zu bestehen, dass der in Freiburg lehrende Sebastian die homoerotische Liaison beendet hat, danach heiratete und Vater eines 10-jährigen Sohnes ist.
Mit der fingierten Entführung von Liam wird Sebastian unter Druck gesetzt. Er soll den in einen Medizinskandal verstrickten Chefarzt Dabbeling umbringen. Der Mediziner soll zudem (so die vagen Andeutungen) eine Affäre mit Sebastians Frau Meike unterhalten.
Langatmige Exkurse
Das in Juli Zehs Büchern wiederkehrende Motiv von „Schuld und Sühne“ wird von den langatmigen Exkursen in die Welt der Quantenphysik geradezu niedergewalzt. Die Streitgespräche über das Wesen der Zeit, über Parallelwelten und die von Sebastian vertretene „Viele-Welten-Theorie“ („Alles, was möglich ist, geschieht.“) erfordern vom Leser die Bereitschaft, ein Tatmotiv ins Kalkül zu ziehen, das außerhalb des „normalen“ Wissensspektrums liegt.
Der Mediziner Dabbeling, ein leidenschaftlicher Rennradfahrer, enthauptet sich bei einer Radtour selbst – durch ein über die Fahrbahn gespanntes Drahtseil. Am Ende stellt sich heraus, dass es sich um ein arrangiertes, perfides Spiel mit dem Abtasten bzw. Überschreiten von Hemmschwellen handelte. Nachdem sich Sebastian der Polizei gestellt hatte, erhielt er einen Anruf seines Sohnes Liam, der sich unversehrt aus einem Zeltlager meldete.
Juli Zeh gibt dem Leser nach der überaus anstrengenden Lektüre die diffizile Frage mit auf den Weg, wie es um Sebastians Schuld bestellt ist. Doch dazu hätte es nicht der ausgedehnten Ausflüge in die Quantenphysik und all der waghalsigen Metaphern bedurft. Weniger kann oft mehr sein.
Peter Mohr
Juli Zeh: Schilf. Roman. Schöffling Verlag 2007. 383 Seiten. 19,90 Euro.