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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:46

 

Chuck Palahniuk: Das Kainsmal

31.12.2007


Chronische Tollwutinfektion

Chuck Palahniuk legt mit seinem bisher wohl komplexesten Roman die Latte für eigene folgende Werke hoch.

 

Chuck Palahniuks Prosa ist keine leichte Kost, und das ist durchaus nicht nur im übertragenen Sinn gemeint: Man erinnere sich an seine Shortstory „Guts“ (erschienen in der Kurzgeschichtensammlung Haunted), über die das hartnäckige Gerücht kursiert, dass bei Lesungen in den USA an die siebzig Menschen ohnmächtig wurden. „Pure Sensationslust“ kann man unken, ein Großteil von Palahniuks Lesepublikum gibt sich aber wahrscheinlich gerade diesen grenzgängerischen Tendenzen äußerst gerne hin, die seine Werke oft versprechen. Palahniuk ist ja auch nicht nur für seine – erzähltechnisch einwandfrei verpackten – literarischen Geschmacklosigkeiten bekannt. Bereits sein berühmter Erstlingsroman Fight Club wurde mit dem Oregon-Book-Award ausgezeichnet, und zwar bevor die David-Fincher-Verfilmung den Autor endgültig in den Kultstatus katapultierte.

Dicht verzweigtes Romangeflecht

Mit Das Kainsmal schrieb Palahniuk nun sein bisher achtes Buch und schuf ein dicht verzweigtes Romangeflecht. In non-fiktionaler Form, als Aufzeichnung mündlicher Berichte von 56 unterschiedlichen Charakteren, die schnell wechselnd und nicht linear erzählen, gibt der Autor das Leben von Buster Casey, genannt „Rant“ (engl. so viel wie schwadronieren, sich ereifern, Phrasen dreschen) wieder. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft, der Protagonist – der selbst fast nie zu Wort kommt – ist zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen bereits tot. Er soll Auslöser der Krankheit „rabies“ gewesen sein und ist somit legendärer „Patient Null“ einer futuristischen Seuche, die zahlreiche Menschenleben fordert. Das macht Rant zu einer öffentlichen Person, von deren außergewöhnlichem Leben posthum Freunde, Feinde, Familienmitglieder und flüchtige Bekannte puzzleartig in kurzen Abrissen erzählen. Der komplexe Erzählstil erfordert natürlich einen ebensolchen Protagonisten, dessen Darstellung den Aufwand lohnt – dies sei garantiert, von Palahniuk meisterhaft umgesetzt, ohne den Leser durch den rasanten Wechsel der Erzähler maßlos zu überfordern oder zu langweilen. Passend, dass die erzählenden Charaktere sich nicht immer über die Eigenschaften des toten Anti-Helden oder den Hergang von Ereignissen einig sind, sondern ihre ganz eigenen Perspektiven bewahren.
Eines ist Rant aber bestimmt: Ein erneuter Palahniukscher Grenzgänger auf der Suche nach todesnahen Erfahrungen. Aufgewachsen in einem kleinen Städtchen findet er in seiner Jugend Gefallen daran, seine Arme in Erdlöcher zu stecken, um von Spinnen, Schlangen oder anderen Tieren gebissen zu werden und die Auswirkungen des Giftes in seinem Körper zu spüren. Die Folge ist eine latente Abhängigkeit vom Gift der „Schwarzen Witwe“ und eine chronische Tollwutinfektion. Sein bizarres Vergnügen könnte der Auslöser dafür gewesen sein, dass sich rabies in seinem Körper entwickelte, was nahe liegt, aber im Dunkeln bleibt. Als jungen Erwachsenen zieht es Rant in die Großstadt. Im urbanen Gebiet herrscht eine ungewöhnliche soziale Ordnung: Die Bevölkerung ist in „Tag“- und „Nachtgeher“ unterteilt, die Ersten gehen tagsüber ihrem bürgerlichen Leben nach, die Zweiten sind eine Mischung aus Subkultur und sozialer Randgruppe, denen nachts die Straßen gehören. In ihren Reihen findet Rant auch seine Wahlfamilie und er schließt sich den „Party-Crashern“ an, die nachts bei illegalen Demoliton-Derbies bewusst lebensgefährliche Autounfälle herbeiführen.

Der Leser ist gefordert

Palahniuk legt mit seinem bisher wohl komplexesten Roman die Latte für eigene folgende Werke hoch. Die non-fiktionale Form stellt der Autor in seinem Vorwort selbst in eine Reihe mit George Plimptons Capote, Jean Steins Edie und von Brendan Mullen. Versatzstücke wie der dokumentarische Patchwork-Erzählstil, die Science-Fiction-Elemente, die Tendenz zum Absurden sowie die minimalistische Erzählweise reihen Palahniuks Romangeflecht wiederum in die amerikanische postmoderne Erzähltradition ein.

Der Leser ist bei der Lektüre dementsprechend gefordert: Leerstellen wollen gefüllt werden, bei manchen scheinbaren Unstimmigkeiten der Charaktere muss man sich bis zum Schluss gedulden. Die Fäden werden zusammengefügt, Lücken gefüllt und fehlende Puzzlesteine hinzugefügt, und wo nicht, bekommt man fast immer den Eindruck, es diente der Erzählstruktur. Ein wenig schal schmeckt nur das Palahniuk-Lesern wahrscheinlich schon wohl bekannte Gefühl, man müsste das Buch gleich wieder von vorne beginnen: Mit den erst am Ende gegebenen Informationen ausgestattet vermeint man auch hier, den vielschichtigen Protagonisten selbst noch einmal „ganz anders“ lesen zu können. Vielleicht muss man der Versuchung nicht nachgeben: Das Kainsmal soll nämlich Erstling einer Trilogie sein, die Folgeromane sollen 2011 und 2013 erscheinen. Es gibt also auch in Zukunft Gelegenheit, sich „Rant“ als Charakter vertraut zu machen.

Friederike Schwabel


Chuck Palahniuk: Das Kainsmal. Ins Deutsche übersetzt von Werner Schmitz. Goldmann 2007. 350 Seiten. 14,95 Euro.

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