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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:47

 

Peter Handke: Die morawische Nacht

20.01.2008


Ein Spiel? Der Wolf im Schafspelz


Hat sich der literarische Wolf Handke einen massenkompatiblen Schafspelz übergestülpt? Oder ist dies doch der Beginn eines milden Alterswerkes?

 

Ursprünglich sollte Peter Handkes opulentes Erzählwerk den durchaus sinnstiftenden Titel “Samara" tragen, was aus dem Arabischen übersetzt "eine Nacht im Gespräch verbringen" bedeutet. Genau dies geschieht nämlich auch in der Rahmenhandlung. Ein gealterter Autor, der mit dem Schreiben aufgehört hat, versammelt auf einem Hausboot einige Freunde um sich und lässt mit ihnen gemeinsam sein Leben Revue passieren. Das Boot trägt den Namen "morawische Nacht" und liegt auf der Morawe - ein Donau-Nebenfluss, der sich durch Serbien schlängelt - vor Anker.

Diese Figur des Ich-Erzählers weist so auffällige Parallelen zu Handkes eigenem Lebensweg auf, dass schon wieder Vorsicht geboten ist, denn der eigenwillige Autor hat alles andere als eine Autobiografie im Sinn gehabt. Begegnen wir hier einem geläuterten, milde gestimmten Alter Ego, das mit seinen Zuhörern, die wie ein verschwörerischer Geheimbund beschrieben werden, über seine Lebens-Odyssee parliert?

Selbstreflektierende Gedankenreise

Die Gedankenreise führt uns an viele Orte, die in Handkes Leben eine wichtige Rolle spielten - auf die kroatische Insel Krk, wo er seine erste große Liebe erlebte und seinen Debütroman Die Hornissen verfasste; ins spanische Numancia, wo wir an einem Kongress zum Thema "Akustik der Stille" teilnehmen; in den Harz an das Grab seines leiblichen Vaters, in den Geburtsort in der Steiermark und nach Wien, wo der Weltkongress der Maultrommelspieler stattfindet.

Die erzählerische Reise hat einen stark besinnlichen, selbstreflektierenden Charakter. Es klingt gerade so, als wolle der Ich-Erzähler (oder eben auch Handke selbst) zerschlagenes Porzellan wieder kitten. Der Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien wird als irreversibles historisches Faktum angenommen. Angesichts von Handkes langjähriger Affinität zum serbischen Diktator Milosevic, auf dessen Beerdigung er eine Rede hielt, eine sonderbare Wandlung. Die lebenslangen Probleme des Autors mit den Frauen (zu Handkes Lebensgefährtinnen gehörten u.a. die Schauspielerinnen Libgart Schwarz, Katja Flint und Jeanne Moreau) werden auf erzählerische Weise abgearbeitet, wenngleich der Erklärungsversuch wenig plausibel klingt. Demnach vertragen sich Literatur und Liebe nicht, da die Frauen stets ein Hindernis beim Schreiben dargestellt hätten.

Querverweise auf das eigene Oeuvre

Am poetischsten ist dieses Buch, wenn Handke seinen Ich-Erzähler auf dessen Erinnerungsreise mit Dialogpartnern konfrontiert. - mit dem Wiener Dichter Ferdinand Raimund und mit der ebenfalls längst verstorbenen Mutter. Auch diese meta-fiktiven Dialoge sind von einem äußerst versöhnlichen Duktus getragen. "Genug der Schuld und der Schuldsuche" herrscht die Mutter den Autor an, und als leisen Hintergrundton hört man Handkes Mutter-Roman Wunschloses Unglück mitschwingen.
Überhaupt gibt es reichlich Querverweise auf das eigene Oeuvre. So tauchen auch Gregor Keuschnig und Filip Kobal - die Protagonisten aus Die Stunde der wahren Empfindung und Die Wiederholung - in der langen Gesprächsnacht auf.

Trotz all dieser erzählerisch-essayistischen Nähe zum eigenen Werk, die bisweilen wieder haarscharf an die Grenze des Narzissmus reicht, - bietet Peter Handke aber auch absolut neue Töne. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie begegnet er seinem Ich-Erzähler, den er mal als "Dorftrottel", mal als "abgedankten, durchgedrehten" Autor bezeichnet.

Humorvolle Replik auf die Kritiker?

Was hier als selbstkritisches Reflektieren mit stark versöhnendem Anstrich daherkommt und wie eine Suche nach Anerkennung, Nähe und emotionaler Geborgenheit klingt, lässt sich allerdings auch als humorvolle Replik auf die vielen Kritiker lesen, von denen sich Handke oft missverstanden fühlte. Hat er gar eine falsche Fährte ausgelegt, hat uns selbst eine weichgespülte Handke-Light-Version geliefert? Hat sich der literarische Wolf einen massenkompatiblen Schafspelz übergestülpt? Oder ist dies doch der Beginn eines milden Alterswerkes? Am Ende erweist sich diese ellenlange und teilweise äußerst unterhaltsame (das ist für Handke eher atypisch) Erzählung als Tagtraum eines Städters, der an seinem Schreibtisch sitzend, das "Tosen der Balkanautobahn" als "Rattern von Vorortzügen" entlarvt.

Als Handkes Ich-Erzähler dem Wiener Biedermeier-Dichter Ferdinand Raimund begegnet, befindet dieser (und dies trifft auch auf Peter Handke und seine Morawische Nacht zu): "Du aber - du aber bist vielleicht ein Spieler."

Peter Mohr


Peter Handke: Die morawische Nacht. Erzählung. Suhrkamp Verlag 2008. 561 Seiten. 28,00 Euro.

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