Wollte der Vater, von Beruf Pastor, seine Familie bei einem Autounfall ums Leben bringen? Annas Bruder Joona jedenfalls ist der festen Überzeugung, dass es damals, als die Geschwister noch ganz klein waren, ein Mordversuch an seiner Mutter war. Er will sich fortan rächen, dreht eines Tages durch, wird eingeliefert in eine Heilanstalt. Dort will man ihm helfen, doch sind da noch die Ereignisse, über die keiner spricht; die Gewaltausbrüche, bei denen der sonst so liebevolle Vater Joona mit einem Gürtel blutig schlug.
Einerseits fühlt sich Anna tief verbunden mit ihrem Bruder, andererseits ist es für sie unmöglich, ihn als Teil ihrer „heilen Welt“ zu akzeptieren – aus Angst, dass ihr Glück durch ihn einen Sprung bekäme. Anna hat inzwischen den Amerikaner Ian kennen gelernt und erfährt mit ihm eine bedingungslose Liebe, fühlt sich aufgehoben und verstanden. Das Paar verbindet im Grunde ganz ähnliche Erfahrungen. Auch Ians Vater ist verrückt geworden – er konnte die Erlebnisse im Vietnamkrieg nicht verkraften.
Die Personen sind durch das, was jedem Einzelnen in seinem Leben widerfuhr, innerlich zerrissen. Und gleichzeitig prägt diese Menschen nicht nur ihr persönliches Schicksal, sondern alle direkten Erlebnisse stehen vor der Kulisse des Zeitgeschehens: 09/11 bringt die Menschen in Aufruhr.
Keines der Familienmitglieder dieser wie durch ein unsichtbares Band zusammengehaltenen Familie bekommt den Stempel des Schuldigen aufgedrückt. Jedes von ihnen trägt die schlimmen Ereignisse als Bürde mit sich durch sein Leben und versucht, sie möglichst gut zu verdrängen oder zu verarbeiten. Vielleicht war erst Joonas Selbstmordversuch nötig, damit sie sich eingestehen, dass die erste Variante nicht funktioniert. Der Junge jedenfalls begreift: Es geht nicht um Schuld, es geht darum, zu leben.
Die junge Autorin Elina Hirvonen ist tätig als Journalistin, Produzentin und Regisseurin. In ihrem ersten Roman fesselt sie nicht nur durch ihren klaren und eindringlichen Erzählstil, sondern sie webt auch geschickt fiktive Briefe von Joona ein, in denen sich seine psychische Verfassung spiegelt. Außerdem durchziehen Bezüge zu literarischen Vorbildern die Handlung: Michael Cunninghams Roman
Die Stunden sowie Virginia Woolfs
Mrs. Dollaway. In einer Vorlesung über Woolf lernt Anna Ian kennen, Cunninghams Roman sind verschiedene Zitate von Woolf entnommen. Die Handlung aller drei Werke umfasst jeweils nicht mehr als einen Tag, bei den Vorbildern wie auch bei Hirvonen spielt das Thema des Wahnsinns eine Rolle, es geht jeweils um das Zwischenmenschliche, um die inneren, psychischen Prozesse der Menschen, nicht um eine große äußere Handlung.
Fazit: ein rundum gelungenes Debüt, unbedingt lesenswert!
Eva-Maria Vogel
Elina Hirvonen: Erinnere dich. Deutsch von Elina Kritzokat. Deutscher Taschenbuch Verlag 2008. 160 Seiten. 12,50 Euro.