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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:47

 

Martin Walser: Ein liebender Mann

02.03.2008


Durch Gedicht wird Schmerz schön


Ein liebender Mann ist eine anspielungsreiche Alterstragödie, die Martin Walser äußerst respektvoll und feinfühlig erzählerisch in Szene gesetzt hat.

 

Es gab schon viele Romane, die sich mit Ausschnitten aus Goethes Biografie befassten (von Thomas Mann bis Dieter Kühn), und auch die erotischen Verirrungen älterer Herren (man denke nur an die Erzählwerke von Philip Roth, John Updike und auch einige Spätwerke Walsers) sind als literarisches Sujet keine Novität. Dafür aber die vorliegende Mischung von Martin Walser, der sich erzählerisch mit Goethes letzter, unerfüllter Liebe zu der mehr als 50 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow (1804–1899) auseinander setzt.
Es ist der Sommer des Jahres 1823, den Goethe in Marienbad und Karlsbad verbringt, als er von dem jungen Fräulein aus guter Familie geradezu betört wird. Gebildet, neugierig, aber nicht untertänig gegenüber Goethe. Ulrike wirkt wie ein Jungbrunnen, alle körperlichen Gebrechen (Goethe hat gerade seinen 74. Geburtstag hinter sich) sind wie weggespült. In der feinen Sommergesellschaft tanzt der große Dichter leidenschaftlich mit dem jungen Mädchen, auch der Ortswechsel (in Weimar „ist mein Leben mehr Theater als Leben“.) scheint für eine zusätzliche Vitalisierung zu sorgen.

Pathos des frühen 19. Jahrhunderts

Martin Walser, der in seinen letzten Romanen seine etwa gleichaltrigen Protagonisten, in turbulente amouröse Abenteuer stürzte, spinnt zwischen dem ungleichen Paar ganz behutsam ein feines geistig-erotisches Band. Nicht körperliche Begierden (wenngleich über die Bedeutung des Kusses tiefsinnig philosophiert wird: „Wenn die Seelen einander nicht küssen, sind die Münder tot“), sondern die Verschmelzung von Geist und Seele steht im Vordergrund – vor allem in Goethes Fantasien. Und der alte Geheimrat wird sogar rasend eifersüchtig, als ein junger, dubioser Diamantenhändler wiederholt in Ulrikes Umfeld auftaucht und von deren Mutter protegiert wird.
„Es gibt das Paradies. Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt“, heißt es an einer Stelle des Romans. Goethe spürt eine eigenartige flirrende, paradiesische Wärme in Ulrikes Gegenwart, und er will einen Roman mit dem Titel „Ein liebender Mann“ beginnen. Stets ist der Dichterheros hin- und hergerissen zwischen seinen überbordenden Gefühlen und den gesellschaftlichen Konventionen. Tief verzweifelt klingt es, wenn er notiert: „Schlimm ist, nicht mehr lieben zu dürfen.“ Sein Herz führe sich auf wie ein Gefangener, der an die Zellentür schlage.

Es ist das große Pathos des frühen 19. Jahrhunderts, das Walser hier durch die Zeilen klingen lässt. Seine Sprache und Goethes imaginierte Gedankenwelt befinden sich in einem absoluten Gleichklang. Die Dialoge des Geheimrats mit der jungen Ulrike erinnern in ihren besten Passagen an die großen Dramen der Weimarer Zeit, inspiriert vom idealistischen Gedanken der totalen Verschmelzung von Mensch und Kunst.
Doch mit dem Ende der „Sommerfrische“ und der damit einhergehenden Trennung von Ulrike beginnt für Goethe eine unendliche Leidenszeit, die sich auch auf sein körperliches Wohlbefinden niederschlägt. Die von Walser in den Text eingefügten, an Ulrike adressierten „Marienbader Elegien“ fungieren hier als ein existenzieller Befreiungsversuch von einer Obsession – gehalten in einem Tenor zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Euphorie und Depression.

Große Gedankenprosa

„Mit Deiner Einzigartigkeit beherrscht Du mich“ und „Die Wirklichkeit hat gegen die Schönheit keine Chance“, schreibt Goethe in einem seiner zahlreichen Briefe an Ulrike, in denen er auch Reflexionen über den Werther und theoretische Abhandlungen über den Selbstmord einfügt. In diesen langen Selbstgesprächen (bisweilen werden daraus auch simulierte Dialoge) läuft Martin Walser zu bestechender Form auf und liefert ganz große Gedankenprosa – herrlich-präzise, aphoristisch zugespitzte Momentaufnahmen, die an seinen Band Meßmers Reisen (2003) erinnern.
„Durch dieses Gedicht wird jeder Schmerz schön“, lässt die gebildete Sprachliebhaberin Ulrike den Dichter als Antwort auf die „Marienbader Elegien“ wissen. Als sie mit ihrer Familie auf einer Reise Station in Weimar macht, ohne Goethe zu besuchen, scheint sich am Ende dessen Schmerz in Erleichterung zu verwandeln. Die angebetete Ulrike ist in Goethes Kopf auf ein „irdisches Maß“ zurückgestutzt und am Ende in seiner Fantasie doch noch ein Objekt fleischlicher Begierde geworden. Nach langem tiefen Schlaf lässt Martin Walser Goethe mit erigiertem Glied erwachen, und dieser wusste, von wem er geträumt hatte.

Aus dem „liebenden Mann“ ist am Ende ein desillusionierter Mann geworden – eine Alterstragödie, die Martin Walser äußerst respektvoll und feinfühlig erzählerisch in Szene gesetzt hat. Mit Walser, der am 24. März seinen 81. Geburtstag feiert, scheint es wie mit einem guten Rotwein zu sein, je älter um so besser. Mancher (Gedanken-)Tropfen braucht eben eine lange Reifezeit, um seine volle Blüte zu entfalten. Wir dürfen schon jetzt gespannt sein, was Walser uns künftig noch aus seinem künstlerischen Barrique herauszaubert.

Peter Mohr


Martin Walser: Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt Verlag 2008. 285 Seiten. 19,90 Euro.

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