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Kader Abdolah: Das Haus an der Moschee

17.03.2008


Haus des Friedens, Haus des Krieges

Kader Abdolahs Haus an der Moschee fasziniert als Geschichte und enttäuscht als Literatur. Als Zeugnis der Islamischen Revolution im Iran ist es allemal lesenswert.

 

Es ist ein spannendes Buch, das der Exil-Iraner Kader Abdolah geschrieben hat: Eine uralte Moschee mit dem ihr angeschlossenen ehrwürdigen alten Haus unter der milden Führung des traditionellen Patriarchen Agha Djan ist die Welt des Romans. Das Haus steht in Senedjan, einer konservativen persischen Provinzstadt, die Zeit der Handlung beginnt in der Spätzeit der Pahlavi-Dynastie, in den 1970er-Jahren. Modellhaft für den ganzen Iran ereignen sich im Haus an der Moschee allerlei Dinge zwischen den Generationen; besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der beiden Großmütter, die seit Menschengedenken den Haushalt führen und die mythische Urzeit nicht nur symbolisieren; ihr letztendliches Verschwinden in Mekka wird selbst zu einem Mikromythos.
Gegenwelt dieser Beinah-Idylle der traditionellen Lebensweise ist zunächst die Säkularisierung unter dem Schah, gegen die man sich mit allen liebenswerten kleinen Doppelmoralen weitgehend souverän zu behaupten versteht, dann allerdings greift die kalte Faust der fundamentalistischen Geistlichkeit brutal wie erfolgreich nach der Macht im Lande und entzweit die Großfamilie bis auf den Tod. Die Familienmitglieder werden vereinzelt alles, was der Iran an Schattierungen zu bieten hat, von der mitläuferischen Hardlinerin über den Großexekutor bis zum Widerstandskämpfer. Aus dem Haus des Friedens wird ein Haus des Krieges.

Das Bild der traditionalen, vorrevolutionären Lebenswelt ist Abdolah besonders gut gelungen. Ohne falsche Verklärung wird sie in mitunter märchenhaften Anekdoten gekonnt und mit Wärme inszeniert, ohne die Modernisierung grundsätzlich zu verteufeln; im Gegenteil wird durchaus die Sympathie des Autors für Kino und Krankenschwestern sichtbar. Um so deutlicher fällt der Bruch durch die Islamische Revolution aus, die Abdolah konsequent als technische und systematische Herrschaftsmaschinerie darstellt und ihr damit jede traditionale Rechtfertigung abspricht. Er lässt keinen Augenblick einen Zweifel darüber aufkommen, dass der Fundamentalismus nichts mit Tradition gemein hat, sondern diese bewusst und mit der Radikalität der Moderne verwirft, um sich selbst als absolute Gewalt zu installieren.
Diese Einsicht, dass Fundamentalismus kein zugespitzter Traditionalismus ist, sondern ein Phänomen der Moderne, kann wahrlich nicht neu heißen, wird aber in den allerorts wuchernden Diskursen über den Islam, die sich vor allem durch ihre notorische Inkompetenz auszeichnen, weitgehend ignoriert. Um so besser, dass Abdolah den Traditionsbruch des Fundamentalismus in den Mittelpunkt seines Romans stellt und seinen Schrecken so evident erzählt.

Literarisch mager

Die Botschaft ist klar und zustimmungsfähig. Aber ein literarisches Werk ist nur zum Teil, vermutlich nur zum kleinsten Teil durch seine Botschaft Literatur – der ästhetische Wert liegt in der sprachlichen und erzählerischen Form. Die scheint dem Autor im Verlauf des Romans aber gleichgültig zu werden. Sprachlich setzt Abdolah auf bis zur Infantilität schlichte Sätze, ohne dass sie deshalb märchenhaft würden, denn dafür fehlt ihnen das Prächtige, Schwelgerische, obgleich der Roman mit „Es war einmal“ beginnt. Sollte der Märchentonfall die Absicht gewesen sein, so ist er, wenigstens in der deutschen Übersetzung, über weite Strecken nicht getroffen.
Erzähltechnisch zeigt der Roman zunächst deutlich die Absicht, das Haus an der Moschee als exemplarischen Mikrokosmos für die Ereignisse im Iran zu konstruieren. Das schöne und kraftvolle Bild der uralten Moschee mit dem ihr angeschlossenen Haus, mit dem Keller voller Zeugnisse der Tradition und Kontinuität hätte das Potenzial gehabt, den ganzen Roman zu tragen. Leider aber lässt sich Abdolah dann zum Genre des Action-Thriller hinreißen: Der Leser wird dem Haus an der Moschee entrissen und darf, gewissermaßen live, Bombenexplosionen im Kabinettsaal, Exekutionen in Schlachthöfen und andere kuriose Dinge bezeugen.
Das ist für sich nichts Schlechtes (2005, als die niederländische Originalfassung erschien, kamen auch zwei großartige Filme des Genres in die Kinos: Spielbergs „Munich“ und Gaghans „Syriana“), entwertet aber den Ansatz des Romans, die Geschichte der Islamischen Revolution in nuce zu erzählen, nämlich anhand des Hauses an der Moschee, wie der Titel und die erste Hälfte des Romans es versprechen. Erzählerisch zerbröselt das Buch dem Leser in den Händen. Zurück bleibt ein zwiespältiger Eindruck: als zeitgeschichtliches Dokument ist der Roman großartig, als literarischer Plan ist er raffiniert konzipiert, bleibt aber in der sprachlichen und narrativen Ausführung in großen Zügen trivial.

Bernd Draser


Kader Abdolah: Das Haus an der Moschee. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Claasen Verlag 2007. 396 Seiten. 19,90 Euro.

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