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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:50

 

Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle

07.04.2008

Die nahe Zukunft der Demokratie

Gerade im angelsächsischen Sprachraum blüht das Genre des Politromans. Große Epen über die Strukturen der Macht und die persönliche Last der Entscheidungsträger finden dort regelmäßig ihr Publikum. Michael Kumpfmüller versucht nun, dieses Genre auch in der deutschen literarischen Landschaft wieder zu etablieren – und scheitert auf hohem Niveau.

 

Der große deutsche Politroman. Eine epische Reflexion über die westliche Demokratie und ihre Mechanismen; über Medienmacht, Berufspolitiker und das Heer der enttäuschten Bürger. Drunter macht es Michael Kumpfmüller nicht. Sein viel beachtetes Romandebüt Hampels Fluchten sollte schließlich auch nichts weniger als DER deutsche Wenderoman werden. Schon damals unkten manche Rezensenten, groß gedacht sei nicht immer gleich groß gemacht.

Und in der Tat scheitert auch Nachricht an alle vor allem an den enormen Ansprüchen seines Autors. Der Roman erzählt die Geschichte Seldens, des Innenministers eines nicht näher genannten europäischen Landes in nicht allzu ferner Zukunft. Selden, geplagt von einer ausgewachsenen Midlife-Crisis, hat den Tod seiner Tochter zu verarbeiten und einen Staat zu regieren, der immer mehr ins Chaos stürzt. Seine – nennen wir sie einmal der Einfachheit halber so – Agenda-Politik bringt nicht nur die Gewerkschaften gegen die Regierung auf, sondern nahezu die halbe Bevölkerung auf die Barrikaden. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander und das, obwohl die regierenden – auch hier behelfen wir uns mit einem Notnamen – Sozialdemokraten doch einst für die Segnungen des Sozialstaates standen.

Dies kommt uns durchaus nicht zu Unrecht relativ bekannt vor und spiegelt einige der prägenden politischen Auseinandersetzungen und Diskurse der letzten Zeit. Alles, was der politisch interessierte Leser von einem derartigen Stoff erwartet, findet er auch in Kumpfmüllers Roman wieder: Geheime Treffen im Hinterzimmer, Medienskandale, Machtkämpfe mit den angeblich ewig gestrigen Altlinken et cetera. Dazu rührt der Autor seinem hoch explosiven politischen Gebräu noch allerhand andere gewichtige Zutaten unter: Sex, Crime, Anschläge, Protestaktionen und zu guter Letzt gar eine Selbstverbrennung.

Koeppen reloaded

Das klingt nicht nur alles nach sehr viel Stoff für ein einziges Buch, das ist es auch. Kumpfmüller tut sich schwer damit eine einheitliche Linie zu finden. Er häuft Motiv über Motiv an und entfernt sich dabei oftmals bedenklich weit von seinem eigentlichen Stoff. Im Bestreben ein in Deutschland lange Zeit fast sträflich vernachlässigtes Themenfeld zu reanimieren, wirkt der Romancier wie ein etwas übermotivierter Musterschüler. Natürlich weiß er, dass einer der wichtigsten deutschen Nachkriegspolitromane immer noch Wolfgang Koeppens Das Treibhaus ist. Also reichert er seinen – im Grunde genommen traditionellen, linearen – Erzählstil mit Elementen der Collage an. Er wechselt permanent die Erzählperspektiven, führt ein beträchtliches Arsenal an Figuren ein und lässt jedes Kapitel ganz antikisch, als Symbol der Demokratie, mit einem Chor der unzufriedenen Stimmen beginnen.

Ohne Zweifel, Kumpfmüller hat sich einiges bei seinem neuen Roman gedacht. Er hat versucht die komplexen Bedingungen politischer Entscheidungen romanwürdig zu machen und dabei den Politiker aus der Sphäre des Unpersönlichen zu holen. Gerade im Hinblick auf den krisengeschüttelten Ex-Linken Selden funktioniert dies auch wunderbar. Kumpfmüller legt seine persönlichen Beweggründe offen, sein stures Beharren auf den vorgeblich richtigen Weg, seine tiefe Abscheu vor den Auswüchsen der Mediendemokratie. Hätte er sich stärker auf die Abgründe dieser Figur konzentriert, wäre ihm wohl tatsächlich der neue große deutsche Politroman gelungen. So geht im Chor der Stimmen auch der Roman selbst verloren.

Scheitern mit Stil

Michael Kumpfmüller scheitert also paradoxerweise an seinem eigenen Streben nach den höchsten literarischen Ehren. Nichtsdestotrotz hat er einen streckenweise brillanten Politroman geschrieben, der keinen Vergleich mit anderen zeitgenössischen Autoren deutscher Zunge scheuen muss. Er ist ein überaus geschmackssicherer Stilist, der sich leider in Nachricht an alle zu oft als Stimmenimitator, denn als eigenständige literarische Stimme der jüngeren deutschen Literatur betätigt.
Das Grunddilemma des Romans verdeutlicht noch einmal in voller Wucht der überflüssige Epilog. Kumpfmüller springt einige Jahrzehnte in die Zukunft, löst Zusammenhänge auf, berichtet uns kursorisch über das weitere Schicksal seines Protagonisten. Nur weniges bleibt unerwähnt, die letzten Geheimnisse werden enthüllt. So entzaubert der Autor im Übereifer zum letzten Mal seinen eigenen Roman.
Michael Kumpfmüller scheitert also mit besten Ansätzen an einem zu hochgesteckten Ziel. Aber er sollte sich eine alte, leicht abgewandelte faustische Weisheit zu Herzen nehmen: Wer ewig strebt, der wird auch irgendwann einen großen Roman schreiben.

Sebastian Karnatz


Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle. Kiepenheuer und Witsch 2008. 384 Seiten. 19.95 Euro.

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