Das Leben ist ein Roman, und es erzählt die besten Geschichten. Am besten natürlich aus der Perspektive des eigenen Ichs, denn der junge Bouillier, zu diesem Zeitpunkt noch kein Schriftsteller, befindet sich Ende 1990 in einer Krise: Nicht genug, dass dieser isolierte Niemand seiner Ex-Geliebten nachtrauert, ruft ausgerechnet diese ihn an, um ihn auf eine Party einzuladen. Dabei handelt es sich um keine gewöhnliche Party, sondern um die Geburtstagsparty von Sophie Calle – heute eine der bedeutendsten französischen Künstlerinnen der Gegenwart. Calle lässt sich nämlich jedes Jahr von einem ihrer Freunde und Bekannten einen Überraschungsgast präsentieren. Diesmal fiel die Wahl auf Bouillier.
Nach wochenlangem Grübeln, an dem wir bereits den künftigen Schriftsteller erkennen können, wählt Bouillier schließlich eine sündhaft teure Flasche 1964er Margaux als Geschenk, mit der er einiges Aufsehen erregen möchte. Als er aber auf der Party erfährt, dass die Gastgeberin ihre Geschenke niemals auspackt, kann er sein Pech kaum fassen. Auch seine frühere Geliebte erklärt ihm nicht, warum sie ihn damals ohne ein Wort verlassen hat. Stattdessen sagt sie ihm einen bestimmten Satz über Rosen, den der belesene Bouillier zu Hause nachschlägt. Und tatsächlich hatte seine frühere Geliebte den Roman Mrs. Dalloway von Virginia Woolf, in dem dieser Satz steht, über alles geliebt. Sie hatte ihm daraus sogar vorgelesen, als sie noch zusammen waren. Daher liest er das Buch erneut, sieht nun erst die Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Leben – und plötzlich mit „einem Schlag waren Groll und Verzweiflung verflogen“, zurückbleiben nur noch Dankbarkeit, zärtliche Zuneigung und Bewunderung für die Verflossene. Und so wird sein eigentliches poetisches Ich geboren – eine Art Transformation zum Künstler.
Als Bouillier Jahre später Sophie Calle erneut begegnet, weil sie ihm zu seinem ersten Buch gratulieren möchte, klärt sich die Sache mit der Flasche Margaux auf: Sie war als Fotografie in einem ihrer Kunstbücher „Le rituel d’anniversaire“ von 1998 gelandet, die Flasche selbst wird schließlich in einem Regal wiedergefunden. So macht Bouillier mit seiner Prosa also das, was Sophie Calle mit ihren Installationen, Fotografien, mit ihren poetischen Arbeiten und der Konzeptkunst seit Jahren erfolgreich tut: Die Grenzen zwischen Kunst und Leben, Fiktion und Realität, zwischen privat und öffentlich einfallsreich vermischen. Bouillier treibt hier ein neurotisch-ironisches Spiel mit sich und den anderen, dem man gerne beiwohnt. Selbstredend, dass er sein Buch der Sophie Calle widmet. Ob beide darauf eine Flasche Margaux trinken, bleibt allerdings ungeklärt.